Die Rote Burg im Nikolausberger Weg 67

Das Gebäude ist heute in Privatbesitz
Das Haus Nikolausberger Weg 67 wurde in den 30er Jahren in Göttingen auch Rote Burg genannt.

In der Literatur werden nicht selten die beiden Adressen Nikolausberger Weg 61 und Nikolausberger Weg 67 bezüglich ihrer Bedeutung für den Nelsonbund und den Internationalen Sozialistischen Kampfbund in Göttingen verwechselt. Im Nikolausberger Weg 61 nutzte Leonard Nelson bis zu seinem Tod im Jahr 1927 die oberen Stockwerke als Privaträume, Büros, Gästehaus und Geschäftsstelle es Göttinger Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und seines Vorgängers, des Internationalen Jugendbundes.

Hier wohnte Leonard Nelson bis zu seinem Tod 1927
Im Haus Nikolausberger Weg 61 nutzte  Leonard Nelson bis zu seinem Tode 1927 die oberen Stockwerke

Das Haus Nikolausberger Weg 67 hatte eine wechselvolle Geschichte. Zunächst nutzte die Erbauerin, die Schweizerin Henriette Danneil das Gebäude als Privathaus und als eine Art Nähstube (Frauenkommission der SPD, in: Volksblatt, 13.7.1924, 5) für die Mitglieder der Frauenarbeitsgemeinschaft des Ortsvereins der SPD. Danneil war Pazifistin und Anhängerin der Philosophie und der Erziehungswissenschaft Leonard Nelsons. Nach der Gründung des ISK Ende 1925 wurde das Haus langsam auch in der öffentlichen Wahrnehmung zur Roten Burg, zur Zentrale des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und damit auch zu einem Synonym für den antifaschistischen Widerstand in Göttingen. Die Quellenlage zu Henriette Danneil ist nicht besonders ergiebig. Trotz ihrer Verdienste als Unterstützerin Nelsons, als Födererin des ISK und als Erbauerin der künftigen ISK-Zentrale ist Henriette Danneil fast völlig in Vergessenheit geraten. Ihr Name taucht 1920 erstmals im Einwohnermeldeamt der Stadt auf. (Meldekarte Henriette Danneil Einwohnermeldeamt StadtAGö)

Unter dem Eintrag Henriette Ith-Wille findet sich auch eine Kurzbiographie der Schweizerin im Online-Lexikon Wikipedia – allerdings in Esperanto. (Eintrag Henriette Ith-Wille, in: Vikipedio. La libera Eciklopedio) Ith-Wille ist ihr Mädchenname.
Im Mai 1920 zieht Henriette Danneil in das Haus Düsterer Eichenweg 45 in Göttingen. Sie ist aus Verden zugezogen, wo sie seit 1915 im Militärhospital ihren Mann, den deutschen Offizier Hans Danneil, pflegte, der im ersten Weltkrieg schwer verletzt wurde. Nur wenige Monate später wechselte sie ihren Wohnsitz erneut und zog in die Planckstraße 29. Danach erwarb sie das Grundstück Nikolausberger Weg 67. Es ist nicht bekannt, dass die Schweizerin besonders vermögend gewesen wäre. Sie wurde 1885 im Schweizer Kanton Neuchâtel geboren. Sie hatte vier Geschwister. Der Vater war Uhrmachen und verstarb als sie 11 Jahre alt war. Sie lernte Deutsch, Englisch und Esperanto. Studierte Fotographie in Berlin und eröffnete dort auch einen Fotoladen. 1914 heiratete sie. 1942 schreibt sie einen autobiographischen Text über diese Zeit und ihre Arbeit im Militärhospital Verden mit dem Titel Männer ohne Gesicht.
1922 beauftragte sie einen Kasseler Architekten mit Planung und Bauausführung der Villa. (Nikolausberger Weg 67 Pläne, Stadtbauamt Göttingen) Offiziell lebte sie von Mai 1923 bis März 1929 in der Villa am Nikolausberger Weg 67/ Ecke Leonard-Nelson-Straße. Wahrscheinlicher allerdings ist, dass sie schon Ende 1924 wieder in die Schweiz zurückkehrt. Denn sie veröffentlicht von diesem Zeitpunkt an Artikel in einer Schweizer Esperantozeitschrift. In Göttingen wird sie Mitglied des Internationalen Jugendbundes, sie tritt in die SPD ein und kandidiert auf Platz 15 im April 1924 zusammen mit einem weiteren IJB-Mitglied, Fritz Schmalz, für den Gemeinderat. (Volksblatt, 17.4.1924, 4) Dann wird sie in den Vorstand der Frauenkommission des Ortsvereins der SPD Göttingen gewählt. Mitte Juli lädt sie die Mitglieder der Frauenkommission und die Teilnehmerinnen des Nähkurses zu einem Nähabend zu sich nach Hause in die Villa am Nikolausberger Weg 67 ein. (VG, 13.7.1924, 4) Aus den Mitgliedern der Frauenkommission und den Teilnehmerinnen am SPD-Nähabende entstand unter Leitung von Fritz Schmalz und des IJB die SPD-Unterorganisation des Ortsausschusses ,für Arbeiterwohlfahrt Göttingen, die AWO. (VG, 7.10.1925, ) Das Adressbuch der Stadt Göttingen führt Henriette Danneil bis ins Jahr 1932 als Eigentümerin des Grundstücks Nikolausberger Weg 67. Dann ging die Immobilie in den Besitz der Freunde der philosophisch-politischen Akademie Walkemühle e.V über. Dieses Pädagogische Schulungszentrum des Nelsonbundes im nordhessischen Melsungen ist juristisch die Eigentümerin des Vermögens des Nelsonbundes. Ob Henriette Danneil ihr Haus an den ISK verkaufte, ist nicht geklärt. Wahrscheinlicher ist, dass sie Grundstück und Villa an den ISK verschenkte. Sie galt als enge Mitarbeiterin und Fördererin von Leonard Nelson. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten wird die 67 zu einem Synonym für den antifaschistischen Widerstand. (Westernhagen, Wir gehen in die 67, StadtAGö.) 1933 gab es einen weiteren Besitzerwechsel. Kurz nach der Machübertragung an die Nationalsozialisten verlor auch der ISK sein gesamtes Vermögen. Die Liegenschaft Nikolausberger Weg 67 fiel an den Preuß. Staat. (StadtAGö. Adressbuch Göttingen, 1934).

Zwischen der Eigentumsübertragung auf das pädagogische Zentrum Walkemühle in Melsungen und der Enteignung durch den preußischen Staat vollzog sich eine weitere Eigentumsübertragung, die sich offenbar nur kurzfristig im Grundbuch vollzogen haben musste. Im Adressbuch der Stadt Göttingen wurde sie nicht angezeigt. Nachdem Henriette Danneil das Haus Richtung Genf wieder verlassen hatte, wohnten einige ranghohe ISK-Mitglieder in der Villa. Unter anderen Willi Eichler und Fritz Körber. Um das Haus vor dem Zugriff der Nazis zu schützen, beschloss die Führungsebene des ISK, die Eigentumsrechte vom Pädagogischen Zentrum Walkemühle auf die Privatperson Fritz Körber zu übertragen. Alle rechneten schon frühzeitig mit der sicheren Enteignung des ISK. Die Umschreibung auf Fritz Körber musste schon weit fortgeschritten gewesen sein, denn die Stadt Göttingen hat Körber schon die Grunderwerbsteuer für den Erwerb der Immobilie in Rechnung gestellt. 1.100 Reichsmark, die er auch schon bezahlt hatte. (ISK-Akte, StadtAGö.Pol.Dir.Fach 155, 5, Blatt 115) Nachdem das Haus nun enteignet worden war, forderte Fritz Körber in einem monatelangen Streit mit den Behörden seine 1.100 Reichsmark Grunderwerbsteuer zurück. Am 13.2.1934 geht Körber ein Bescheid zu, dass die Grunderwerbsteuer von den Behörden beschlagnahmt wurde. Sie wurde wie die Immobilie selbst als kommunistisches Vermögen eingestuft und eingezogen.
Wie konsequent sich das Haus Nikolausberger Weg 67 zur Roten Burg, zur Zentrale des ISK entwickelte, zeigt ein Überwachungsprotokoll der Sekret Politischen Polizei vom 22. Mai 1933

In diesem Papier fasste Kriminalsekretär Ippensen die Erkenntnisse der Polizeidirektion Göttingen zusammen.Der Nikolausberger Weg 67 wurde im März 1933 von der Kriminalpolizei nachts häufiger überwacht. Anlass war, dass Personen im Haus verkehrten, die dort nicht wohnten. Und dann lag noch ein Antrag des Sturmbanns Göttingen der Hitlerjugend vor, ihr das Haus zur eigenen Nutzung zu überlassen. Zusammen mit der SA Göttingen hatte die Hitlerjugend einige Wochen vor Ippensens Bericht eine illegale nächtliche Razzia in der Villa durchgeführt. Dabei entstand wohl die Idee, das Haus selbst zu übernehmen. Ippensen berichtet, dass es bei der Überwachung des Hauses zur Festnahme des Schlossers Willi Warnke aus Kassel gekommen sei. Bei Warnke seien Abschriften von Grundbucheintragungen, Tagebücher und Testamente der Mitarbeiter des Landerziehungsheimes Walkemühle bei Melsungen gefunden worden. Man vermute, dass es sich bei Warnke um einen Kurier handele. Ein Verhör habe ergeben, dass Warnke mit seinem Fahrrad unterwegs nach Hannover war, um die beschlagnahmten Gegenstände der ehemalige Leiterin der Walkemühle, Minna Specht, zu übergeben. Beim ISK handelte es sich um eine Organisation mit marxistischer, sozialistischer, pazifistischer und gottloser Tendenz. Die Zahl der Mitglieder sei nicht groß. Dafür seien sie aber intelligente Leute und bestens geschult. Deshalb schlage er ein Verbot des ISK und die Beschlagnahmung des Vermögens vor. In Göttingen werde das Haus Nikolausberger Weg 67 auch Rote Burg genannt.

Nach 1945 dauerte es noch einige Jahre bis das Haus wieder Fritz Körber zugesprochen wurde. Er war vor der Enteignung der letzte rechtmäßige Eigentümer. Nach Körber bezogen Artur Levi und Familie nach seiner Rückkehr aus dem Exil das Haus.

In den 80er Jahren lebte die Familie des ehemaligen ISK-Mitglieds Hermann Oberdieck in der Roten Burg am Nikolausberger Weg

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Mieter im Nikolausberger Weg 67 waren auch die Familie des ehemaligen ISK-Mitglieds Hermann Oberdieck

Das Haus wurde 2014 an einen Göttinger Kaufmann und seine Familie verkauft. Nach einer wechselvollen Geschichte ist es jetzt wieder in Privatbesitz.

Literaturverzeichnis: Dörte v. Westernhagen, Wir gehen nach 67. 2001 StadtAGö.

Nelsonbund (IJB/ ISK) und Göttinger SPD 2

Leonard Nelson. Philosophieprofessor in Göttingen. Gründer des Internationalen Jugendbundes (IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.
Leonard Nelson. Philosophieprofessor in Göttingen. Gründer des Internationalen Jugendbundes (IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.

Nachdem sich der Nelsonbund, damals Internationale Jugendbund (IJB), Ende 1924, Anfang 1925 in entscheidenden Positionen des SPD-Ortsvereins und des Kreisverbandes etabliert hatte, sah man schon an der Organisation der Monatsversammlung der SPD im Volksheim Göttingen (VG, 16.Januar 1925, 4), dass der IJB die Federführung in der Partei übernommen hatte. Die wesentlichen IJB-Themenfelder und Arbeitsgebiete sind in der Versammlung nicht nur personell vertreten, sie werden auch ausführlich diskutiert: Frauenkommission und politische Frauenarbeit, Arbeiterbildungsausschuss und Arbeiterbibliothek, Veranstaltungsplan des Ortsvereins, Koalitionsfähigkeit der Partei auf Reichsebene, Außenpolitik, Parteiprogramm und die Deutschlandpolitik der Sozialdemokraten im Reichstag. Diese Themenvielfalt ist ungewöhnlich. Protokolle ähnlicher Veranstaltungen der Partei, die im Volksblatt veröffentlicht wurden, bezogen sich in der Vergangenheit stärker auf ausschließlich kommunale Aktivitäten. Im Stil seiner Wahlkampfveranstaltungen schwört Willi Eichler die Monatsversammlung nun auch auf einen neuen, eher pragmatisch orientierten Kurs ein: Wir wollen weniger reden und mehr arbeiten. Nur so ist der Aufstieg möglich, zitiert das Volksblatt. Mit wir sind der Nelsonbund und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gemeint. Und mit Aufstieg ist die Bildung einer antifaschistischen Linksfront aus SPD, KPD und Nelsonbund gemeint. Schon an der Auswahl der Tagesordungspunkte in dieser Monatsversammlung im Januar des Jahres i1925 ist ersichtlich, dass Eichler mehr im Blick hatte als den Ortsverein Göttingen.

Auf Seiten des Nelsonbundes liefen allerdings im Hintergrund schon Vorbereitungen, auf dieser Göttinger Parteiplattform die spezifischen Themen des IJB weiter in den Vordergrund zu schieben.  (Breuker, Die SPD in Göttingen, 1974, 19ff)  ) In der Mitgliederversammlung des Folgemonats hielt IJB-Mitglied Rudolf Küchemann einen Vortrag zum Thema Das Konkordat, das Zentrum und die Schule. (VG, 15.2.1925, 4). Küchemann ist nicht nur IJB-Mitglied. Zusammen mit seinem Bruder Hermann und den  Lehrerinnen Erna Siem und Maria Kneisel, Stegmühlenweg, Göttingen, gehörte Rudolf Küchemann zu den führenden Aktivisten des Lehrerkampfbundes, einer Unterorganisation des IJB. Küchemanns Vortrag auf der Monatsversammlung im Januar formuliert nicht nur zentrale Inhalte des IJB. Er rechnet auch mit wesentlichen Punkten der aktuellen SPD-Politik im Reichstag ab. Aktuell beobachtete Küchemann mit Sorge den Abschluss des Staatskirchenvertrages zwischen dem Freistaat Bayern und der römisch-katholischen Kirche. In dem Staatsvertrag sah Küchemann eine Verknechtung des Geistes, der nicht nur der Einzelne, sondern auch die Partei entschlossen entgegentreten müsste. Küchemann forderte deswegen den Ortsverein zu einer Entschließung auf, andere Ortsvereine dazu aufzufordern, ihre Mitglieder zum Kirchenaustritt zu bewegen.

Hier zeigt sich, dass die antiklerikale und antikirchliche Einstellung eine der wesentlichen Inhalte der Programmatik des Nelsonbundes darstellte. Gerade die Mitglieder des Lehrerkampfbundes vertraten diese Haltung kompromisslos nicht nur in der Partei, sondern auch in den Göttinger Schulen, in denen sie unterrichteten. (R. Küchemann, Warum bin ich als Lehrer aus der Kirche ausgetreten, 1925, 10). Auch die Lehrerin Erna Siem vertrat diese Haltung konsequent in ihrer Schule, so dass sie wegen der Kritik von Kollegen und Vorgesetzten eigentlich latent von Entlassung bedroht war. (Lehrerakte Erna Siem, StadtAGö).
Auch Rudolf Küchemann war leidenschaftlicher Verfechter dieser antikirchlichen und antiklerikalen Haltung. In der Monatsversammlung im Februar 1925 gelang es ihm sogar, die Mitglieder des Ortsvereins Göttingen hinter sich zu bringen. Die SPD Göttingen unterstützten den Antrag Küchemanns, alle SPD-Mitglieder zum kollektiven sozialdemokratischen Kirchenaustritt zu bewegen. Nur die Parteizentrale in Berlin war offenbar strikt gegen diesen IJB-Programmpunkt. Der Ortsverein unterstützte den Antrag Küchemanns, die Parteizentrale in Berlin lehnte ihn ab. Wie stark und wie spontan der Arm der Zentrale damals reagierte, ist daran abzuschätzen, dass Rudolf Küchemann seinen Vortrag Das Konkordat, das Zentrum und die Schule umgehend zurückziehen musste. Im Veranstaltungskalender des Volksblattes ist zu lesen, dass Rudolf Küchemann seinen Vortrag einige Tage danach vor der SPD-Frauenarbeitsgemeinschaft wiederholen wollte. Die politische Frauenarbeit war einer der großen Schwerpunkte der IJB-Programmatik. Als allerdings Rudolf Küchemann seinen Vortrag mit dem Aufruf zum kollektiven Kirchenaustritt am 17.Februar 1925 vor den SPD-Frauen des Ortsvereins wiederholen wollte, hieß es im Veranstaltungskalender des Volksblatt sinngemäß lapidar: Veranstaltung findet statt, Vortrag des Gen. Küchemann fällt aus.
Diese Reaktion der Parteizentrale gegen den Ortsverein ist nach Breuker nur so zu erklären, dass die Politik der Parteizentrale im Berlin der Weimarer Republik auf das Zentrum als Koalitionspartner angewiesen war. Und die Parteimitglieder des Zentrums waren eher katholisch. Für die sozialdemokratische Partei war die Forderung nach Kirchenaustritten noch akzeptabel, für den eher katholischen Koalitionspartner nicht.

Literaturverzeichnis: Monatsversammlung der SPD, in: Volksblatt (VG), 16. Januar, 1925, 4. Ulrich Breuker, Die SPD in Göttingen. Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien. 1974. Diese Arbeit ist im Stadtarchiv Göttingen einzusehen. Was die Arbeit von Breuker so wertvoll macht, ist, dass er anfangs der 70er Jahre noch die Möglichkeit hatte, wichtige Protagonisten (Heinrich Düker…) der Parteiarbeit persönlich kennenzulernen.

Prof. Heinrich Düker, ISK-Mitglied und erster Oberbürgermeister der Stadt Göttingen. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.
Prof. Heinrich Düker, ISK-Mitglied und erster Oberbürgermeister der Stadt Göttingen. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.

Dabei hat er die vorhandene Quellenlage gesichtet, erfasst und wichtige Dokumente gesammelt und vor der weiteren Vernichtung bewahrt. Breuker hat bei Frau Prof. Helga Grebing an der Universität Göttingen studiert.Rudolf Küchemann, Warum bin ich als Lehrer aus der Kirche ausgetreten, in: Lehrer, wachet auf! Herausg. vom Vorstand des sozialistisch-dissidentischen Lehrerkampfbundes. Göttingen 1925.

Nelsonbund (IJB/ ISK) und Göttinger SPD 1

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Die Stellungnahme Helga Grebings unten lässt schon vermuten, dass das Verhältnis zwischen ISK und Partei lebhafte Zeiten durchgemacht hat. Die Querelen wollten nach 1945 bis in die 60 er Jahre im Ortsverein, nach Grebing, nicht enden. (Grebing, Anfänge nach 45, 2003, 73) Und diese Zeiten schienen noch harmlos gewesen zu sein, denn es gab auch historische Momente, da konnte sich die Partei gegen ideologisch radikalisierten Anhänger Nelsons nur durchsetzen, indem sie sie einfach vor die Tür setzte, d.h. aus der Partei ausschloss. Es lohnt sich aber zu differenzieren. Auf den unterschiedlichen Ebenen der Partei konnten die Reaktionen auf den ISK ganz unterschiedlich sein. Auch der historische Zeitpunkt ist ausschlaggebend für eine solche Beurteilung. Wenn Willy Brandt (Harder, Vordenker. 2013, 7) nur Lob für die programmatische Arbeit Willi Eichlers übrig hatte, dann scheinen die Ideen des Nelsonbundes und seiner ethischen Revolution im Zentrum der Partei angekommen zu sein. Die Zerwürfnisse zwischen Nelsonbund und Parteiverantwortlichen führten allerdings vor 1925 auf Reichs- und Landesebene, also in Berlin und Hannover, zu derart heftigen Auseinandersetzungen, dass sich die Parteizentrale in der Reichshauptstadt Berlin damals genötigt sah, innerhalb kürzester Zeit eine Parteiausschlussverfahren durch die Parteigremien zu jagen. Der Vorwurf gegen den Nelsonbund lautete damals, die Parteispaltung würde betrieben. Parteigenossen des Landesverbands aus Hannover hatten die Aufgabe, den Berliner Parteibeschluss in Göttingen im Oktober 1925 schnellstmöglich umzusetzen. D.h., die Nelsonbündler mussten aus den Parteieinrichtungen entfernt werden. (Eichler, Zufälle und Druckfehler, 1926) Der ISK, der bis Ende des Jahres 1925 noch Internationaler Jugendbund (IJB) hieß, war gezwungen, sich in kürzester Zeit umzuorientieren. Leonard Nelson, Willi Eichler, Fritz Schmalz, die Mitglieder des Lehrerkampfbundes Göttingen, Erna Siem, (Siem, Lehrerorganisation, 1932, 5), Maria Kneisel, die Küchemann – Brüder u.a. waren nach dem Parteiausschluss im Oktober 1925 gezwungen, sich neu zu organisieren. Die Gründungsflugblätter der neuen Organisation Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK) wurden in den Straßen Göttingens und am Bahnhof verteilt. Sie verkündeten den Wechsel vom Internationalen Jugendbund zum Internationalen Sozialistischen Kampfbund. Dort heißt es:

Sachlich und wahr. Das wahre politische Programm des Nelsonbundes. Die Mitglieder und Freunde des Internationalen Jugendbundes haben aus dem Beschluss des Parteivorstands die Konsequenz gezogen, sie sind aus der Partei ausgetreten und haben den Internationalen Sozialistischen Kampfbund gegründet. Sachlich und wahr, in: Der Führer, 12, 1925, S. 2 oder Die wahre Geschichte des Nelsonbundes, 12, 1925, 3.

Auch die Göttinger SPD – Presse berichtete im Volksblatt über die Parteineugründung im Nelsonbund. (Raloff, Arbeiterjugend und Nelsonbund, 229, 1.10.1925, S.6 Der Nelsonbund ist heimatlos geworden, stand ohne politische Plattform auf eignen Füßen. Praktisch konnten die ISK-Mitglieder noch das Volksheim im Maschmühlenweg als Versammlungsort nutzen. Eigentümerin war nicht die Partei, sondern die Gewerkschaft. Aus der Redaktion des Volksblattes war aber Fritz Schmalz, IJB – Redakteur, nun ausgeschlossen. Als Medium, sich der Öffentlichkeit mitzuteilen, wählte der ISK nun den klassischen und traditionellen Handzettel, das Flugblatt.

Im Jahr 1924 und in der ersten Hälfte des Jahres 1925 deutete noch nichts auf die dramatische Entwicklung bis zum Parteiausschluss des Nelsonbundes hin. Eine ganze Menge Wahlen standen auf kommunaler – und auf Reichsebene an. Im Ortsverein der SPD waren die Mitglieder des Nelsonbundes als Wahlkämpfer gern gesehen. Durch ihre rhetorische Schulung galten sie als überzeugende Wahlkämpfer, die in verschiedenen Wahlversammlungen in den Gemeinden um Göttingen herum fast täglich im Einsatz waren. Die Ergebnisse konnten sich auch sehen lassen. Am 7.12.1924 fanden Reichstagswahlen und Wahlen zum preußischen Landtag statt. Am Wochenende davor hatten Redakteur Gen. Schmalz und Genosse Eichler ihre letzten Wahlveranstaltungen in Bailenhausen und Bovenden. (Volksblatt Göttingen (VG), 6.12.1924, 4.) Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen. Zum ersten Mal wurde ein Genosse aus Göttingen in den Reichstag gewählt. Der Parteivorsitzende Richard Schiller. Er sollte diesen Posten in der Reichshauptstadt bis 1933 behalten. Da Genosse Schiller sich nun auf seine politische Arbeit in der Reichshauptstadt konzentrieren musste, wurden Ende Dezember im Ortsverein der SPD Göttingen Vorstandswahlen durchgeführt. Quasi als Dankeschön für den erfolgreichen Wahlkampf wurde Genosse Willi Eichler, der Stellvertreter Leonard Nelsons aus dem Internationalen Jugendbund, zum zweiten Vorsitzenden der Partei gewählt. (VB, 7.Jg., 2, S. 4). Nach den Wahlerfolgen begann der Nelsonbund seinen Einfluss in der SPD Göttingen auszubauen. Nach Eichler gelingt es Fritz Schmalz, IJBler und Redakteur im Volksblatt, im SPD – im Kreisverein der SPD fußzufassen. Anfang Februar fanden hier die Vorstandwahlen statt. Zweiter Vorsitzender wurde Fritz Schmalz. (VG, 3.2.1925, S. 4). Nachdem sich der Nelsonbund nun personell an entscheidenden Stellen der Partei etabliert hatte, begannen andere IJB-Mitglieder auch inhaltlich ihre Forderungen zu formulieren. Zu den aktivsten gehörten die Mitglieder des Lehrerkampfbundes, die oben schon erwähnten Erna Siem, Maria Kneisel, und die Küchemann – Brüder Rudolf und Heinrich.

Literaturverzeichnis: Harder, Ernesto: Vordenker der ethischen Revolution. Willi Eichler und das Godesberger Programm. Bonn 2013, Eichler, Willi, Zufälle und Druckfehler, in: Mitteilungsblatt des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes, 1 (1926), 2. Grebing, Helga, Die Anfänge nach 1945, in: Klaus Wettig, 130 Jahre Sozialdemokratie in Göttingen. Göttingen 2003, 72ff. Siem, Erna, Anfänge der Lehrer-Organisation, in: Der Funke 1932, 13.07.1932, S. 5. Raloff, Karl, Arbeiterjugend und Nelsonbund, in: Volksblatt Göttingen, 229, Beilage v. 1.10.1925, 6. Sachlich und wahr, in: Der Führer, 12, 1925, 2 oder Die wahre Geschichte des Nelsonbundes, in: Mitteilungsblatt für die Funktionäre der SPD, 12, 1925, 3.Volksblatt Göttingen (VG), 9.12.1924, 4. VG, 7, 2, S. 4, Generalversammlung des Kreisvereins der SPD, in: VG, 3.2.1925, S. 4 

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Gibt es Gründe, das Thema ISK wieder aufzugreifen?

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Es gibt gute Gründe auf die Idee zu kommen, heute das Thema Internationaler Sozialistischer Kampfbund wieder aufzugreifen. Der ISK wurde im November 1925 in Göttingen von dem Philosophen Leonard Nelson gegründet. Aufgelöst wurde der Kampfbund offiziell im Dezember 1945. Würde er heute noch existieren, könnten wir Ende diesen Jahres sein 90jähriges Bestehen feiern. Diese relativ weitgespannte historische Dimension täuscht etwas darüber hinweg, dass der Einfluss des ISK sich nach 1945 bis in die Parteienlandschaft der neugegründeten Bundesrepublik hinein fortsetzte. Die ISKler, die aus dem Exil oder dem antifaschistischen Widerstand zurückkehrten, wie Heirich Düker oder Willi Eichler, übernahmen einflussreiche Funktionen in der Bundesrepublik.  Heinrich Düker wurde ein anerkannter Hochschullehrer in Marburg und – wenn auch widerwillig – von der englischen Besatzungsmacht als Oberbürgermeister in Göttingen eingesetzt. Willi Eichler und andere aktive ISKler wie Fritz Schmalz und die Mitglieder des ehemaligen Lehrerkampfbundes wurde nach 1945 erneut als Mitglieder in die SPD aufgenommen. Eichler wurde Chef der SPD-Programmkommission und  gestaltete die Parteiprogrammatik der Sozialdemokratischen Partei Deutschland ganz wesentlich mit. Dass Willy Brandt für ganz breite Wählerschichten als Bundeskanzler wählbar wurde, ist größtenteils sein Verdienst. Brandt lobte Eichler als Autor des Godesberger Parteiprogramms, das die Politikinhalte der SPD nicht nur für Arbeiter, sondern auch für Angestellte, Studenten und beispielsweise Künstler wählbar machte. (Harder, Vordenker. 2013, 7.) Dass Günther Grass zeitweise nicht mehr von der Seite Willy Brandts weichen wollte, zeigt auch die Anlehnungsbedürftigkeit des späteren Literaturnobelpreisträgers an die neugefasste linke Parteiprogrammatik  von Willi Eichler. (Grass, Tagebuch 1972). Vor 1945 gehörte der ISK zu einer der bedeutendsten antifaschistischen Kräfte, die von Willi Eichler aus dem Londoner Exil gesteuert wurde.

Wer sich in Göttingen für den ISK interessiert, hat wegen der Bedeutung der Universitätsstadt bei der Entstehung des Kampfbundes mit Sicherheit im lokalen Stadtarchiv eine der bedeutendsten Quellensammlungen in direkter Reichweite. Die Benutzerblätter einiger ISK-Akten im Stadtarchiv Göttingen zeigen, dass die Akten weder von der wissenschaftlichen Forschung der hiesigen Hochschule noch von den lokalen Heimatforschern ihrer Bedeutung nach bisher wahrgenommen wurden. (StadtAGö, Sekret Politische Polizei, in: Pol. Dir. Fach 155, Nr. 5, S. 1)  Auch das soll die Aufgabe dieses Blogs sein: einige verborgene Schätze des Göttinger Stadtarchivs zu Tage zu fördern und zugänglich zu machen.

Es gibt gute Gründe, das Thema ISK heute wieder aufzugreifen. Das Blog will auch die Bedeutung des ISK wieder aufwerten. In der SPD, vor allem im lokalen Ortsverein in Göttingen, neigten einige Parteimitglieder dazu, im ISK lediglich eine „Sekte“  (Duve, Im Volksheim, 1989, 73) zu sehen. Eine Ansammlung skurriler Menschen, die politisch fanatisiert auftraten und vegetarisch, antialkoholisch und zölibatär lebten. Auch die direkte Konfrontation einiger SPD-Mitglieder mit den rhetorisch geschulten ISK-Leuten hinterließ offenbar bei einigen nicht ISK-Mitgliedern traumatische Wirkungen. So berichtet Helga Grebing, dass die Aufnahme der noch aktiven ISK-Mitglieder nach 1945 in den Ortsverein nur den Erfolg hatte, dass die internen Parteiquerelen bis in die 60er Jahre nicht mehr enden wollten.  (Grebing, Anfänge nach 45, 2003, 73 ) Der ISK  war sicher mehr als eine Ansammlung von Sektierern, Querulanten und Sonderlingen.

Literaturverzeichnis:  Harder, Ernesto: Vordenker der ethischen Revolution. Willi Eichler und das Godesberger Programm. Bonn 2013.  ISK-Akte Sekret Politische Polizei 1926-1936, in: StadtAGö, Pol. Dir. Fach 155, Nr. 5, S. 1ff. Cornelia Duve u.a., Im Volksheim war immer etwas los, in: Duve, Cornelia, Göttingen ohne Gänselisel, Spangenberg 1989. Günter Grass, Aus dem Tagebuch einer Schnecke. Neuwied, Darmstadt 1972. Grebing, Helga, Die Anfänge nach 1945, in: Klaus Wettig, 130 Jahre Sozialdemokratie in Göttingen. Göttingen 2003, 72ff.

 

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