Fritz Schmalz I

Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.
Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.

Fritz Schmalz ist neben Willi Eichler das bedeutendeste und vielseitigste Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und seines Vorläufers, des Internationalen Jugendbundes.  (Fotoarchiv Städtisches Museum Göttingen)  Zusammen mit seinem Bruder Hellmut bilden sie vor 1933 eine Art Linksfront im Göttinger Straßenkampf gegen die SA und die organisierten Nationalsozialisten. Eichler verstand seine Arbeit in Göttingen als Stellvertreter Leonard Nelsons als Zwischenstück einer national und international opperierenden antifaschistischen Linksfront aus Sozialdemokraten und Kommunisten. So sah die Führungsebene des ISK in der Zentrale im Nikolausberger Weg ihre Aufgabe. Im Gegensatz dazu blieb Fritz Schmalz der Stadt Göttingen für immer verbunden. 1897 geboren starb er 1964 in Elliehausen.

Nach 1933 gehörte er zu den aktiven antifaschistischen Kämpfern in der Sektion Göttingen, die neben den Sektionen Braunschweig, Frankfurt, Weimar, München….von Willi Eichler aus dem Exil in London gesteuert wurden. Schmalz verfügte über ein ganzes Repertoire an Talenten, die ihn als ISK-Ideologen und antifaschistischen Kämpfer qualifizierten. Gewalttätig und reflexhaft im Straßenkampf gegen die SA, aber auch besonnen in Logistik und längerfristiger Planung. Er konnte seine Chancen realistisch abschätzen. Die Quellenlage im Stadtarchiv ist ausgezeichnet.
Vor 1933 trat er auf den Straßen des Stadtzentrums auf. Theaterstraße und Weender Straße. In der Langen Geismarer Straße trafen sich die Mitglieder der Arbeiterwehr (Popplow, Interview August Stapel, in: Karteikarten und Interviews, StadtA.,4), ein Zusammenschluss junger Linker, die der SA auf der Straße entgegentraten. In den Interviews, die der Göttinger Geschichtslehrer Ulrich Popplow in den 70iger Jahren mit Zeitzeugen führten, berichtet der Gewerkschafter August Stapel von den Straßenschlachten, die er mit den Schmalzbrüdern, Fritz und Hellmut, mit Heinrich Westernhagen, Albert Stege und Albert Mink erlebte. Um geordneter und vor allem schlagkräftiger auftreten zu können, gründete die Gruppe um Stapel und die Schmalzbrüder die Arbeiterwehr.

Reflexion, Polnische Straßenkünstlerin in Mistroije
Reflexion, Polnische Straßenkünstlerin Mistroije

Für den Straßenkampf trainiert wurde die Wehr außerhalb der Stadt auf dem Kleinen Hagen. Der Ausbilder war der ehemalige Reichswehrfeldwebel Heyermann. Die Arbeiterwehr brachte es auf eine Truppenstärke von sechs Hundertschaften. So vorbereitet, ging die Gruppe um Stapel und die Schmalzbrüder auf Patrouille, d.h., sie gingen nebeneinander mit verschränkten Armen im Stadtzentrum die Weender Straße entlang. Die Gruppe wollte provozieren. Sie suchte die direkte Konfrontation mit dem Gegner. In der Wohnung von Hellmut Schmalz in der Jüdenstraße waren Knüppel deponiert, an die man im Ernstfall sehr schnell herankam.
Am 1. Mai 1932 war es soweit. Die Gruppe traf auf einer dieser Patrouillengänge in der Theaterstraße auf eine Gruppe von ca. zwei Dutzend SA-Leute. Das zahlenmäßige Missverhältnis zwischen den sechs Patrouillengängern um die Schmalzbrüder und den über 20 Mitgliedern der Nazikampfgruppe hat die Leute vom ISK und der Gewerkschaft offenbar nicht im Geringsten beunruhig. Es kam auch niemand auf die Idee, erstmal die Knüppel aus der Jüdenstraße zu beschaffen. Nach einer kurzen Lagebesprechung, Fritz Schmalz schrie: wollen wir die laufen lassen, kam auch schon das Kommando zum Angriff: Ran! Trotz der Übermacht der SA, hieß es im Zeitzeugenbericht, hätten die Angreifer schnell die Oberhand gewonnen und die Nazis seien davongelaufen wie die Hasen. In den Kreisen der Arbeiterwehr hatte die SA vor 1933 den Ruf, schlecht ausgebildet, schlecht organisiert und feige zu sein. Deshalb schreckte die Arbeiterwehr auch vor gezielten Provokationen der SA nicht zurück. Die Lange Geismarer im Stadtzentrum war das Revier der Arbeiterwehr. Bis 1933 war sie ein Machtfaktor in der politischen motivierten Straßenszene der Stadt.
Vor Januar 1933 trat Schmalz nicht nur als Straßenkämpfer der Arbeiterwehr auf, sondern auch als Jugendleiter und Theaterregisseur. Seit dem Bruch mit der SPD hat die Agitation der ISK-Mitglieder gegen die Sozialdemokraten nicht aufgehört. Sie hat sich eher verstärkt. Sie wird seitens des ISK mit immer größerer Verbissenheit geführt. In Popplows Interviews berichtet das SPD-Mitglied Albrecht Keunicke, Schmalz sei im September 1930 auf einer Wahlveranstaltung der SPD im Stadtpark aufgetaucht. Solche Auftritte führten bei allen Beteiligten zu erhöhter Wachsamkeit. Gastredner war der Reichstagsabgeordnete Schweriner. Nach einer verbissen geführten Diskussion im sokratischen Stil des ISK mit dem Reichstagsabgeordneten und den lokalen SPD-Veranstaltern rief Fritz Schmalz die anwesenden SPD-Mitglieder im Publikum dazu auf, die KPD zu wählen, da die SPD nicht mehr die Interessen der Arbeiterbewegung vertrete. Solche Auftritte waren es auch, die die Kluft zwischen SPD und ISK vor 1933 unüberbrückbar werden ließ. In der SPD Göttingen gab es Mitglieder, die nicht nur gegen den ISK, sondern ganz besonders gegen Fritz Schmalz persönlich zeitlebens nicht nur Abneigung, sondern Hassgefühle hegten.
Der Straßenkämpfer konnte nicht nur mit den Knüppeln aus der Jüdenstraße in die politische Konfrontation eingreifen, sondern auch mit künstlerischer Mittel. Der ISK hatte eine Art Ästhetik des Widerstands (Vergl. Peter Weiss, Ästhetik des Widerstands, 2005) entwickelt, die sich viele Kunstformen aneignete, um politische Botschaften zu formulieren und Ziele zu erreichen. Beliebtestes Medium dieser Agitationsästhetik war das Theater.
Popplows Zeitzeuge August Stapel war 1930 22 Jahre alt. Er gehörte dem Freidenkerverband an und arbeitete in der Jugendgruppe des Verbandes, deren Vorsitzender der 11 Jahre ältere Fritz Schmalz war. Im Jugendheim in der Hospitalstraße 1, dem heutigen Jungen Theater, probte Schmalz mit seiner jungen Laientruppe das Drama § 218 (www.deutschlandfunk.de-paragraph-218-auf-der-buehne/) von Friedrich Wolf. In seinem Zeitzeugenbericht ergänzte August Stapel noch: das war eigentlich illegal.
Wolf war nicht nur Mediziner und Dramatiker, sondern auch Mitglied der KPD. Das Stück § 218 wurde im September 1929 im Berliner Lessingtheater uraufgeführt und entwickelte sich dann zu einem außergewöhnlichen Agitationsstück in der politischen Auseinandersetzung um die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218.
Das Drama behandelt die soziale Not unfreiwillig schwanger gewordener junger Arbeiterinnen. Schon während der Uraufführung in Berlin kam es zu Tumulten und lautstarken Forderungen nach Abschaffung des Abtreibungsverbotes. Daraufhin wurde das Stück auch sehr schnell verboten. Als würde ein solches Verbot den Theaterregisseur Fritz Schmalz magisch anziehen, brachte er das Stück in der Hospitalstraße 1 mit seinen Jugendlichen trotzdem auf die Bühne. Diese Verbindung aus Kunst und politischer Agitation ist typisch für die Arbeit des ISK. In der ISK-Akte des

Stadtarchivs finden sich weitere Beispiele dieser Art politischer Auseinandersetzungen.
Während einer der Proben zu § 218, so berichtet Stapel, wurde der Göttinger Jugendpfleger und Gewerbelehrer Tegtmeier im Jugendheim in der Hospitalstraße Zeuge der Inszenierung des verbotenen Stückes durch das Laientheater der Freidenker. Er bemerkte besorgt: Herr Schmalz, bei all den Jugendlichen hier spielen Sie den Paragraphen 218. Solche Einwände ließ Schmalz nicht gelten. Er erwiderte: Ach, gucken Sie einfach nicht hin.

Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.
Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s