Die Rote Burg im Nikolausberger Weg 67

Das Gebäude ist heute in Privatbesitz
Das Haus Nikolausberger Weg 67 wurde in den 30er Jahren in Göttingen auch Rote Burg genannt.

In der Literatur werden nicht selten die beiden Adressen Nikolausberger Weg 61 und Nikolausberger Weg 67 bezüglich ihrer Bedeutung für den Nelsonbund und den Internationalen Sozialistischen Kampfbund in Göttingen verwechselt. Im Nikolausberger Weg 61 nutzte Leonard Nelson bis zu seinem Tod im Jahr 1927 die oberen Stockwerke als Privaträume, Büros, Gästehaus und Geschäftsstelle es Göttinger Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und seines Vorgängers, des Internationalen Jugendbundes.

Hier wohnte Leonard Nelson bis zu seinem Tod 1927
Im Haus Nikolausberger Weg 61 nutzte  Leonard Nelson bis zu seinem Tode 1927 die oberen Stockwerke

Das Haus Nikolausberger Weg 67 hatte eine wechselvolle Geschichte. Zunächst nutzte die Erbauerin, die Schweizerin Henriette Danneil das Gebäude als Privathaus und als eine Art Nähstube (Frauenkommission der SPD, in: Volksblatt, 13.7.1924, 5) für die Mitglieder der Frauenarbeitsgemeinschaft des Ortsvereins der SPD. Danneil war Pazifistin und Anhängerin der Philosophie und der Erziehungswissenschaft Leonard Nelsons. Nach der Gründung des ISK Ende 1925 wurde das Haus langsam auch in der öffentlichen Wahrnehmung zur Roten Burg, zur Zentrale des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und damit auch zu einem Synonym für den antifaschistischen Widerstand in Göttingen. Die Quellenlage zu Henriette Danneil ist nicht besonders ergiebig. Trotz ihrer Verdienste als Unterstützerin Nelsons, als Födererin des ISK und als Erbauerin der künftigen ISK-Zentrale ist Henriette Danneil fast völlig in Vergessenheit geraten. Ihr Name taucht 1920 erstmals im Einwohnermeldeamt der Stadt auf. (Meldekarte Henriette Danneil Einwohnermeldeamt StadtAGö)

Unter dem Eintrag Henriette Ith-Wille findet sich auch eine Kurzbiographie der Schweizerin im Online-Lexikon Wikipedia – allerdings in Esperanto. (Eintrag Henriette Ith-Wille, in: Vikipedio. La libera Eciklopedio) Ith-Wille ist ihr Mädchenname.
Im Mai 1920 zieht Henriette Danneil in das Haus Düsterer Eichenweg 45 in Göttingen. Sie ist aus Verden zugezogen, wo sie seit 1915 im Militärhospital ihren Mann, den deutschen Offizier Hans Danneil, pflegte, der im ersten Weltkrieg schwer verletzt wurde. Nur wenige Monate später wechselte sie ihren Wohnsitz erneut und zog in die Planckstraße 29. Danach erwarb sie das Grundstück Nikolausberger Weg 67. Es ist nicht bekannt, dass die Schweizerin besonders vermögend gewesen wäre. Sie wurde 1885 im Schweizer Kanton Neuchâtel geboren. Sie hatte vier Geschwister. Der Vater war Uhrmachen und verstarb als sie 11 Jahre alt war. Sie lernte Deutsch, Englisch und Esperanto. Studierte Fotographie in Berlin und eröffnete dort auch einen Fotoladen. 1914 heiratete sie. 1942 schreibt sie einen autobiographischen Text über diese Zeit und ihre Arbeit im Militärhospital Verden mit dem Titel Männer ohne Gesicht.
1922 beauftragte sie einen Kasseler Architekten mit Planung und Bauausführung der Villa. (Nikolausberger Weg 67 Pläne, Stadtbauamt Göttingen) Offiziell lebte sie von Mai 1923 bis März 1929 in der Villa am Nikolausberger Weg 67/ Ecke Leonard-Nelson-Straße. Wahrscheinlicher allerdings ist, dass sie schon Ende 1924 wieder in die Schweiz zurückkehrt. Denn sie veröffentlicht von diesem Zeitpunkt an Artikel in einer Schweizer Esperantozeitschrift. In Göttingen wird sie Mitglied des Internationalen Jugendbundes, sie tritt in die SPD ein und kandidiert auf Platz 15 im April 1924 zusammen mit einem weiteren IJB-Mitglied, Fritz Schmalz, für den Gemeinderat. (Volksblatt, 17.4.1924, 4) Dann wird sie in den Vorstand der Frauenkommission des Ortsvereins der SPD Göttingen gewählt. Mitte Juli lädt sie die Mitglieder der Frauenkommission und die Teilnehmerinnen des Nähkurses zu einem Nähabend zu sich nach Hause in die Villa am Nikolausberger Weg 67 ein. (VG, 13.7.1924, 4) Aus den Mitgliedern der Frauenkommission und den Teilnehmerinnen am SPD-Nähabende entstand unter Leitung von Fritz Schmalz und des IJB die SPD-Unterorganisation des Ortsausschusses ,für Arbeiterwohlfahrt Göttingen, die AWO. (VG, 7.10.1925, ) Das Adressbuch der Stadt Göttingen führt Henriette Danneil bis ins Jahr 1932 als Eigentümerin des Grundstücks Nikolausberger Weg 67. Dann ging die Immobilie in den Besitz der Freunde der philosophisch-politischen Akademie Walkemühle e.V über. Dieses Pädagogische Schulungszentrum des Nelsonbundes im nordhessischen Melsungen ist juristisch die Eigentümerin des Vermögens des Nelsonbundes. Ob Henriette Danneil ihr Haus an den ISK verkaufte, ist nicht geklärt. Wahrscheinlicher ist, dass sie Grundstück und Villa an den ISK verschenkte. Sie galt als enge Mitarbeiterin und Fördererin von Leonard Nelson. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten wird die 67 zu einem Synonym für den antifaschistischen Widerstand. (Westernhagen, Wir gehen in die 67, StadtAGö.) 1933 gab es einen weiteren Besitzerwechsel. Kurz nach der Machübertragung an die Nationalsozialisten verlor auch der ISK sein gesamtes Vermögen. Die Liegenschaft Nikolausberger Weg 67 fiel an den Preuß. Staat. (StadtAGö. Adressbuch Göttingen, 1934).

Zwischen der Eigentumsübertragung auf das pädagogische Zentrum Walkemühle in Melsungen und der Enteignung durch den preußischen Staat vollzog sich eine weitere Eigentumsübertragung, die sich offenbar nur kurzfristig im Grundbuch vollzogen haben musste. Im Adressbuch der Stadt Göttingen wurde sie nicht angezeigt. Nachdem Henriette Danneil das Haus Richtung Genf wieder verlassen hatte, wohnten einige ranghohe ISK-Mitglieder in der Villa. Unter anderen Willi Eichler und Fritz Körber. Um das Haus vor dem Zugriff der Nazis zu schützen, beschloss die Führungsebene des ISK, die Eigentumsrechte vom Pädagogischen Zentrum Walkemühle auf die Privatperson Fritz Körber zu übertragen. Alle rechneten schon frühzeitig mit der sicheren Enteignung des ISK. Die Umschreibung auf Fritz Körber musste schon weit fortgeschritten gewesen sein, denn die Stadt Göttingen hat Körber schon die Grunderwerbsteuer für den Erwerb der Immobilie in Rechnung gestellt. 1.100 Reichsmark, die er auch schon bezahlt hatte. (ISK-Akte, StadtAGö.Pol.Dir.Fach 155, 5, Blatt 115) Nachdem das Haus nun enteignet worden war, forderte Fritz Körber in einem monatelangen Streit mit den Behörden seine 1.100 Reichsmark Grunderwerbsteuer zurück. Am 13.2.1934 geht Körber ein Bescheid zu, dass die Grunderwerbsteuer von den Behörden beschlagnahmt wurde. Sie wurde wie die Immobilie selbst als kommunistisches Vermögen eingestuft und eingezogen.
Wie konsequent sich das Haus Nikolausberger Weg 67 zur Roten Burg, zur Zentrale des ISK entwickelte, zeigt ein Überwachungsprotokoll der Sekret Politischen Polizei vom 22. Mai 1933

In diesem Papier fasste Kriminalsekretär Ippensen die Erkenntnisse der Polizeidirektion Göttingen zusammen.Der Nikolausberger Weg 67 wurde im März 1933 von der Kriminalpolizei nachts häufiger überwacht. Anlass war, dass Personen im Haus verkehrten, die dort nicht wohnten. Und dann lag noch ein Antrag des Sturmbanns Göttingen der Hitlerjugend vor, ihr das Haus zur eigenen Nutzung zu überlassen. Zusammen mit der SA Göttingen hatte die Hitlerjugend einige Wochen vor Ippensens Bericht eine illegale nächtliche Razzia in der Villa durchgeführt. Dabei entstand wohl die Idee, das Haus selbst zu übernehmen. Ippensen berichtet, dass es bei der Überwachung des Hauses zur Festnahme des Schlossers Willi Warnke aus Kassel gekommen sei. Bei Warnke seien Abschriften von Grundbucheintragungen, Tagebücher und Testamente der Mitarbeiter des Landerziehungsheimes Walkemühle bei Melsungen gefunden worden. Man vermute, dass es sich bei Warnke um einen Kurier handele. Ein Verhör habe ergeben, dass Warnke mit seinem Fahrrad unterwegs nach Hannover war, um die beschlagnahmten Gegenstände der ehemalige Leiterin der Walkemühle, Minna Specht, zu übergeben. Beim ISK handelte es sich um eine Organisation mit marxistischer, sozialistischer, pazifistischer und gottloser Tendenz. Die Zahl der Mitglieder sei nicht groß. Dafür seien sie aber intelligente Leute und bestens geschult. Deshalb schlage er ein Verbot des ISK und die Beschlagnahmung des Vermögens vor. In Göttingen werde das Haus Nikolausberger Weg 67 auch Rote Burg genannt.

Nach 1945 dauerte es noch einige Jahre bis das Haus wieder Fritz Körber zugesprochen wurde. Er war vor der Enteignung der letzte rechtmäßige Eigentümer. Nach Körber bezogen Artur Levi und Familie nach seiner Rückkehr aus dem Exil das Haus.

In den 80er Jahren lebte die Familie des ehemaligen ISK-Mitglieds Hermann Oberdieck in der Roten Burg am Nikolausberger Weg

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Mieter im Nikolausberger Weg 67 waren auch die Familie des ehemaligen ISK-Mitglieds Hermann Oberdieck

Das Haus wurde 2014 an einen Göttinger Kaufmann und seine Familie verkauft. Nach einer wechselvollen Geschichte ist es jetzt wieder in Privatbesitz.

Literaturverzeichnis: Dörte v. Westernhagen, Wir gehen nach 67. 2001 StadtAGö.

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