Nelsonbund (IJB/ ISK) und Göttinger SPD 2

Leonard Nelson. Philosophieprofessor in Göttingen. Gründer des Internationalen Jugendbundes (IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.
Leonard Nelson. Philosophieprofessor in Göttingen. Gründer des Internationalen Jugendbundes (IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.

Nachdem sich der Nelsonbund, damals Internationale Jugendbund (IJB), Ende 1924, Anfang 1925 in entscheidenden Positionen des SPD-Ortsvereins und des Kreisverbandes etabliert hatte, sah man schon an der Organisation der Monatsversammlung der SPD im Volksheim Göttingen (VG, 16.Januar 1925, 4), dass der IJB die Federführung in der Partei übernommen hatte. Die wesentlichen IJB-Themenfelder und Arbeitsgebiete sind in der Versammlung nicht nur personell vertreten, sie werden auch ausführlich diskutiert: Frauenkommission und politische Frauenarbeit, Arbeiterbildungsausschuss und Arbeiterbibliothek, Veranstaltungsplan des Ortsvereins, Koalitionsfähigkeit der Partei auf Reichsebene, Außenpolitik, Parteiprogramm und die Deutschlandpolitik der Sozialdemokraten im Reichstag. Diese Themenvielfalt ist ungewöhnlich. Protokolle ähnlicher Veranstaltungen der Partei, die im Volksblatt veröffentlicht wurden, bezogen sich in der Vergangenheit stärker auf ausschließlich kommunale Aktivitäten. Im Stil seiner Wahlkampfveranstaltungen schwört Willi Eichler die Monatsversammlung nun auch auf einen neuen, eher pragmatisch orientierten Kurs ein: Wir wollen weniger reden und mehr arbeiten. Nur so ist der Aufstieg möglich, zitiert das Volksblatt. Mit wir sind der Nelsonbund und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gemeint. Und mit Aufstieg ist die Bildung einer antifaschistischen Linksfront aus SPD, KPD und Nelsonbund gemeint. Schon an der Auswahl der Tagesordungspunkte in dieser Monatsversammlung im Januar des Jahres i1925 ist ersichtlich, dass Eichler mehr im Blick hatte als den Ortsverein Göttingen.

Auf Seiten des Nelsonbundes liefen allerdings im Hintergrund schon Vorbereitungen, auf dieser Göttinger Parteiplattform die spezifischen Themen des IJB weiter in den Vordergrund zu schieben.  (Breuker, Die SPD in Göttingen, 1974, 19ff)  ) In der Mitgliederversammlung des Folgemonats hielt IJB-Mitglied Rudolf Küchemann einen Vortrag zum Thema Das Konkordat, das Zentrum und die Schule. (VG, 15.2.1925, 4). Küchemann ist nicht nur IJB-Mitglied. Zusammen mit seinem Bruder Hermann und den  Lehrerinnen Erna Siem und Maria Kneisel, Stegmühlenweg, Göttingen, gehörte Rudolf Küchemann zu den führenden Aktivisten des Lehrerkampfbundes, einer Unterorganisation des IJB. Küchemanns Vortrag auf der Monatsversammlung im Januar formuliert nicht nur zentrale Inhalte des IJB. Er rechnet auch mit wesentlichen Punkten der aktuellen SPD-Politik im Reichstag ab. Aktuell beobachtete Küchemann mit Sorge den Abschluss des Staatskirchenvertrages zwischen dem Freistaat Bayern und der römisch-katholischen Kirche. In dem Staatsvertrag sah Küchemann eine Verknechtung des Geistes, der nicht nur der Einzelne, sondern auch die Partei entschlossen entgegentreten müsste. Küchemann forderte deswegen den Ortsverein zu einer Entschließung auf, andere Ortsvereine dazu aufzufordern, ihre Mitglieder zum Kirchenaustritt zu bewegen.

Hier zeigt sich, dass die antiklerikale und antikirchliche Einstellung eine der wesentlichen Inhalte der Programmatik des Nelsonbundes darstellte. Gerade die Mitglieder des Lehrerkampfbundes vertraten diese Haltung kompromisslos nicht nur in der Partei, sondern auch in den Göttinger Schulen, in denen sie unterrichteten. (R. Küchemann, Warum bin ich als Lehrer aus der Kirche ausgetreten, 1925, 10). Auch die Lehrerin Erna Siem vertrat diese Haltung konsequent in ihrer Schule, so dass sie wegen der Kritik von Kollegen und Vorgesetzten eigentlich latent von Entlassung bedroht war. (Lehrerakte Erna Siem, StadtAGö).
Auch Rudolf Küchemann war leidenschaftlicher Verfechter dieser antikirchlichen und antiklerikalen Haltung. In der Monatsversammlung im Februar 1925 gelang es ihm sogar, die Mitglieder des Ortsvereins Göttingen hinter sich zu bringen. Die SPD Göttingen unterstützten den Antrag Küchemanns, alle SPD-Mitglieder zum kollektiven sozialdemokratischen Kirchenaustritt zu bewegen. Nur die Parteizentrale in Berlin war offenbar strikt gegen diesen IJB-Programmpunkt. Der Ortsverein unterstützte den Antrag Küchemanns, die Parteizentrale in Berlin lehnte ihn ab. Wie stark und wie spontan der Arm der Zentrale damals reagierte, ist daran abzuschätzen, dass Rudolf Küchemann seinen Vortrag Das Konkordat, das Zentrum und die Schule umgehend zurückziehen musste. Im Veranstaltungskalender des Volksblattes ist zu lesen, dass Rudolf Küchemann seinen Vortrag einige Tage danach vor der SPD-Frauenarbeitsgemeinschaft wiederholen wollte. Die politische Frauenarbeit war einer der großen Schwerpunkte der IJB-Programmatik. Als allerdings Rudolf Küchemann seinen Vortrag mit dem Aufruf zum kollektiven Kirchenaustritt am 17.Februar 1925 vor den SPD-Frauen des Ortsvereins wiederholen wollte, hieß es im Veranstaltungskalender des Volksblatt sinngemäß lapidar: Veranstaltung findet statt, Vortrag des Gen. Küchemann fällt aus.
Diese Reaktion der Parteizentrale gegen den Ortsverein ist nach Breuker nur so zu erklären, dass die Politik der Parteizentrale im Berlin der Weimarer Republik auf das Zentrum als Koalitionspartner angewiesen war. Und die Parteimitglieder des Zentrums waren eher katholisch. Für die sozialdemokratische Partei war die Forderung nach Kirchenaustritten noch akzeptabel, für den eher katholischen Koalitionspartner nicht.

Literaturverzeichnis: Monatsversammlung der SPD, in: Volksblatt (VG), 16. Januar, 1925, 4. Ulrich Breuker, Die SPD in Göttingen. Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien. 1974. Diese Arbeit ist im Stadtarchiv Göttingen einzusehen. Was die Arbeit von Breuker so wertvoll macht, ist, dass er anfangs der 70er Jahre noch die Möglichkeit hatte, wichtige Protagonisten (Heinrich Düker…) der Parteiarbeit persönlich kennenzulernen.

Prof. Heinrich Düker, ISK-Mitglied und erster Oberbürgermeister der Stadt Göttingen. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.
Prof. Heinrich Düker, ISK-Mitglied und erster Oberbürgermeister der Stadt Göttingen. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.

Dabei hat er die vorhandene Quellenlage gesichtet, erfasst und wichtige Dokumente gesammelt und vor der weiteren Vernichtung bewahrt. Breuker hat bei Frau Prof. Helga Grebing an der Universität Göttingen studiert.Rudolf Küchemann, Warum bin ich als Lehrer aus der Kirche ausgetreten, in: Lehrer, wachet auf! Herausg. vom Vorstand des sozialistisch-dissidentischen Lehrerkampfbundes. Göttingen 1925.

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