Nelsonbund (IJB/ ISK) und Göttinger SPD 1

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Die Stellungnahme Helga Grebings unten lässt schon vermuten, dass das Verhältnis zwischen ISK und Partei lebhafte Zeiten durchgemacht hat. Die Querelen wollten nach 1945 bis in die 60 er Jahre im Ortsverein, nach Grebing, nicht enden. (Grebing, Anfänge nach 45, 2003, 73) Und diese Zeiten schienen noch harmlos gewesen zu sein, denn es gab auch historische Momente, da konnte sich die Partei gegen ideologisch radikalisierten Anhänger Nelsons nur durchsetzen, indem sie sie einfach vor die Tür setzte, d.h. aus der Partei ausschloss. Es lohnt sich aber zu differenzieren. Auf den unterschiedlichen Ebenen der Partei konnten die Reaktionen auf den ISK ganz unterschiedlich sein. Auch der historische Zeitpunkt ist ausschlaggebend für eine solche Beurteilung. Wenn Willy Brandt (Harder, Vordenker. 2013, 7) nur Lob für die programmatische Arbeit Willi Eichlers übrig hatte, dann scheinen die Ideen des Nelsonbundes und seiner ethischen Revolution im Zentrum der Partei angekommen zu sein. Die Zerwürfnisse zwischen Nelsonbund und Parteiverantwortlichen führten allerdings vor 1925 auf Reichs- und Landesebene, also in Berlin und Hannover, zu derart heftigen Auseinandersetzungen, dass sich die Parteizentrale in der Reichshauptstadt Berlin damals genötigt sah, innerhalb kürzester Zeit eine Parteiausschlussverfahren durch die Parteigremien zu jagen. Der Vorwurf gegen den Nelsonbund lautete damals, die Parteispaltung würde betrieben. Parteigenossen des Landesverbands aus Hannover hatten die Aufgabe, den Berliner Parteibeschluss in Göttingen im Oktober 1925 schnellstmöglich umzusetzen. D.h., die Nelsonbündler mussten aus den Parteieinrichtungen entfernt werden. (Eichler, Zufälle und Druckfehler, 1926) Der ISK, der bis Ende des Jahres 1925 noch Internationaler Jugendbund (IJB) hieß, war gezwungen, sich in kürzester Zeit umzuorientieren. Leonard Nelson, Willi Eichler, Fritz Schmalz, die Mitglieder des Lehrerkampfbundes Göttingen, Erna Siem, (Siem, Lehrerorganisation, 1932, 5), Maria Kneisel, die Küchemann – Brüder u.a. waren nach dem Parteiausschluss im Oktober 1925 gezwungen, sich neu zu organisieren. Die Gründungsflugblätter der neuen Organisation Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK) wurden in den Straßen Göttingens und am Bahnhof verteilt. Sie verkündeten den Wechsel vom Internationalen Jugendbund zum Internationalen Sozialistischen Kampfbund. Dort heißt es:

Sachlich und wahr. Das wahre politische Programm des Nelsonbundes. Die Mitglieder und Freunde des Internationalen Jugendbundes haben aus dem Beschluss des Parteivorstands die Konsequenz gezogen, sie sind aus der Partei ausgetreten und haben den Internationalen Sozialistischen Kampfbund gegründet. Sachlich und wahr, in: Der Führer, 12, 1925, S. 2 oder Die wahre Geschichte des Nelsonbundes, 12, 1925, 3.

Auch die Göttinger SPD – Presse berichtete im Volksblatt über die Parteineugründung im Nelsonbund. (Raloff, Arbeiterjugend und Nelsonbund, 229, 1.10.1925, S.6 Der Nelsonbund ist heimatlos geworden, stand ohne politische Plattform auf eignen Füßen. Praktisch konnten die ISK-Mitglieder noch das Volksheim im Maschmühlenweg als Versammlungsort nutzen. Eigentümerin war nicht die Partei, sondern die Gewerkschaft. Aus der Redaktion des Volksblattes war aber Fritz Schmalz, IJB – Redakteur, nun ausgeschlossen. Als Medium, sich der Öffentlichkeit mitzuteilen, wählte der ISK nun den klassischen und traditionellen Handzettel, das Flugblatt.

Im Jahr 1924 und in der ersten Hälfte des Jahres 1925 deutete noch nichts auf die dramatische Entwicklung bis zum Parteiausschluss des Nelsonbundes hin. Eine ganze Menge Wahlen standen auf kommunaler – und auf Reichsebene an. Im Ortsverein der SPD waren die Mitglieder des Nelsonbundes als Wahlkämpfer gern gesehen. Durch ihre rhetorische Schulung galten sie als überzeugende Wahlkämpfer, die in verschiedenen Wahlversammlungen in den Gemeinden um Göttingen herum fast täglich im Einsatz waren. Die Ergebnisse konnten sich auch sehen lassen. Am 7.12.1924 fanden Reichstagswahlen und Wahlen zum preußischen Landtag statt. Am Wochenende davor hatten Redakteur Gen. Schmalz und Genosse Eichler ihre letzten Wahlveranstaltungen in Bailenhausen und Bovenden. (Volksblatt Göttingen (VG), 6.12.1924, 4.) Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen. Zum ersten Mal wurde ein Genosse aus Göttingen in den Reichstag gewählt. Der Parteivorsitzende Richard Schiller. Er sollte diesen Posten in der Reichshauptstadt bis 1933 behalten. Da Genosse Schiller sich nun auf seine politische Arbeit in der Reichshauptstadt konzentrieren musste, wurden Ende Dezember im Ortsverein der SPD Göttingen Vorstandswahlen durchgeführt. Quasi als Dankeschön für den erfolgreichen Wahlkampf wurde Genosse Willi Eichler, der Stellvertreter Leonard Nelsons aus dem Internationalen Jugendbund, zum zweiten Vorsitzenden der Partei gewählt. (VB, 7.Jg., 2, S. 4). Nach den Wahlerfolgen begann der Nelsonbund seinen Einfluss in der SPD Göttingen auszubauen. Nach Eichler gelingt es Fritz Schmalz, IJBler und Redakteur im Volksblatt, im SPD – im Kreisverein der SPD fußzufassen. Anfang Februar fanden hier die Vorstandwahlen statt. Zweiter Vorsitzender wurde Fritz Schmalz. (VG, 3.2.1925, S. 4). Nachdem sich der Nelsonbund nun personell an entscheidenden Stellen der Partei etabliert hatte, begannen andere IJB-Mitglieder auch inhaltlich ihre Forderungen zu formulieren. Zu den aktivsten gehörten die Mitglieder des Lehrerkampfbundes, die oben schon erwähnten Erna Siem, Maria Kneisel, und die Küchemann – Brüder Rudolf und Heinrich.

Literaturverzeichnis: Harder, Ernesto: Vordenker der ethischen Revolution. Willi Eichler und das Godesberger Programm. Bonn 2013, Eichler, Willi, Zufälle und Druckfehler, in: Mitteilungsblatt des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes, 1 (1926), 2. Grebing, Helga, Die Anfänge nach 1945, in: Klaus Wettig, 130 Jahre Sozialdemokratie in Göttingen. Göttingen 2003, 72ff. Siem, Erna, Anfänge der Lehrer-Organisation, in: Der Funke 1932, 13.07.1932, S. 5. Raloff, Karl, Arbeiterjugend und Nelsonbund, in: Volksblatt Göttingen, 229, Beilage v. 1.10.1925, 6. Sachlich und wahr, in: Der Führer, 12, 1925, 2 oder Die wahre Geschichte des Nelsonbundes, in: Mitteilungsblatt für die Funktionäre der SPD, 12, 1925, 3.Volksblatt Göttingen (VG), 9.12.1924, 4. VG, 7, 2, S. 4, Generalversammlung des Kreisvereins der SPD, in: VG, 3.2.1925, S. 4 

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