Die Tätigkeit der Arbeiterwohlfahrt (1920-1933)

Volksheim. Links unten der große Saal, der ca. 1000 Gästen Platz bot. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.
Volksheim. Links unten der große Saal, der ca. 1000 Gästen Platz bot. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.

Rot vertreibt die Not.

Die Tätigkeit der Arbeiterwohlfahrt spielt sich auf unterschiedlichen Geschäftsebenen ab. Auf der Ebene der Ortsausschüsse wird die praktische Arbeit geleistet. Auf den Vollversammlungen zu Beginn des Jahres wird in der Regel Bilanz gezogen über die Tätigkeit der Frauen in der sozialdemokratischen Wohlfahrtspflege. Begonnen hat diese Tätigkeit schon vor der Organisation des Ortsausschusses im Oktober 1925. Die ersten Tätigkeiten beschränken sich auf die Veranstaltung von Weihnachtsfesten mit Kinderbescherung im großen Saal des Volksheims Im Maschmühlenweg, Göttingen.

Mädchenheim Jüdenstraße 39. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.
Mädchenheim Jüdenstraße 39. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.

stattfanden. Auf der Versammlung des Ortsvereins Ende Februar 1930 (VB 30.2.1930) berichtet Luise Stegen, die erste Vorsitzende des Ortsausschusses ein letztes Mal über die Leistungen der Arbeiterwohlfahrt innerhalb ihrer Amtszeit. Der Ortsausschuss bestehe aus fünf Genossinnen und einem Genossen. Drei Genossinnen seien in der Gefährdetenfürsoge, 14 ehrenamtliche Pflegerinnen seien im Bezirk tätig. Eine Genossin arbeite in der Göttinger Bahnhofsmission. Die Einnahmen betrugen im Jahr 1929 insgesamt 1702 RM. Darüber hinaus stellten mehrere Warenhäuser größere Posten Stoffe für die Nähabende zur Verfügung. An Arbeitslose und Bedürftige wurden Lebensmittelgutscheine und 200 Zentner Kohlen verteilt. Zur Schulentlassung erhielten Mädchen und Knaben Kleidung, Wäsche und Lebensmittel, um Vorstellungsgespräche und den Berufseinstieg zu erleichtern. An Wöchnerinnen und Kranke wurden mehrere Wochen Milch, Butter und andere Stärkungsmittel ausgegeben. Der letzte Tätigkeit von Luise Syring, der Nachfolgerin von Luise Stegen, vom Januar 1933 sieht ähnlich aus.
Der größere Umfang an Dienstleistungen, die vom Ortsausschuss für Arbeiterwohlfahrt in Göttingen erbracht wird, spiegelt die mittlerweile extrem gewachsene Bedeutung der freien Wohlfahrtverbände reichsweit.
Im Mai 1929 gibt es in der Statistik der Deutschen Liga der freien Wohlfahrtspflege sechs große Wohlfahrtsorganisationen: Innere Mission, Deutscher Caritasverband, Zentralstelle der Deutschen Juden, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie und der Zentralwohlfahrtsausschuss der christlichen Arbeiterschaft. Der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt ist wegen seines überkonfessionellen Selbstverständnisses nicht Mitglied der Liga.
Die Leistung der Freien Wohlfahrtsorganisationen Ende der 20iger Jahre werden in drei großen Teilgebieten erbracht: in der Gesundheits-, der Erziehungs- und der Wirtschaftsfürsorge. Insgesamt stehen den freien Verbänden ca. 87.500 Heime und sonstige Einrichtungen zur Verfügung, sie beschäftigen über 165.000 hauptberufliche Pflegekräfte, die Patienten in mehr als einer halben Million Betten versorgen. Des Weiteren kommen mehr als eine halbe Million Plätze in Kindergärten, Tagesheimen und Horten hinzu. Täglich sind über eine Million Menschen in Deutschland in fester Pflege und diese Leistung wird größtenteils von mehr als 11 Millionen Mitglieder der freien Wohlfahrtsorganisationen erbracht. Auch der Ortsausschuss ist in den drei Teilbereichen Gesundheits-, Erziehungs- und Wirtschaftsfürsorge tätig. An Schulabgänger Kleidungsstücke und Lebensmittel zu verteilen erhöht bestimmt ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Auch in dieser Geste ist eine wichtige Leistung der Wirtschaftsfürsorge auf der Ebene des Ortsausschusses zu sehen.

Die Tätigkeit des Bezirksausschusses besteht zunächst darin, Werbung zu machen für die Idee Arbeiterwohlfahrt zu machen, d.h., die Zahl der Ortsausschüsse musste erstmal drastisch erhöht werden. Es ist eine oft mühsame Überzeugungsarbeit, die Ortsvereine davon zu überzeugen auch Ortsausschüsse zu gründen. Dann kommuniziert der Bezirksausschuss die programmatischen Vorstellungen des Hauptausschusses in Richtung Ortsvereine und Ortsausschüsse. Unterstützt wird der Bezirk in diesem Punkt von den Mitgliedern des Hauptausschusses, die in dieser PR-Arbeit besonders rührig sind. Gemeint ist Marie Juchacz, die Frontfrau des Hauptausschusses, Hedwig Wachenheim, die Hochschullehrerin und Hanna Kirchner, die Revolutionärin der Arbeiterbewegung. Alle drei publizieren regelmäßig im Volksblatt und unterstützen so die PR-Arbeit von Fritz Feldmann, dem Vorsitzenden des Bezirksausschusses in Hannover. Die Themen von Juchacz, Wachenheim und Kirchner sind Kommunalisierung und Sozialisierung der Wohlfahrtspflege, Frauenengagement in der Politik, der überkonfessionelle Charakter der Arbeiterwohlfahrt und die Kooperation der Ortsausschüsse mit den Wohlfahrtsämtern. Die Vertreterinnen des Hauptausschusses streben keine Führungsrolle der Arbeiterwohlfahrt in der Wohlfahrtspflege an. Kernstück ihrer Auffassungen sind diese Kooperation mit den Behörden vor Ort (Kommunalisierung) und die Verankerung des Solidaritätsgedankens im Bewusstsein der Öffentlichkeit (Sozialisierung). So vertreibt Rot die Not. Das ist sozialdemokratische Wohlfahrtspflege.

Diese Auffassungen sind auch in die Richtlinien der Arbeiterwohlfahrt eingegangen. Zusammenfassung aller Kräfte, die der Arbeiterwohlfahrt nahe stehen, Schulung und Fortbildung ehrenamtlicher und hauptamtlicher Kräfte, Stellungnahme zu allen Fragen der öffentlichen und freien Wohlfahrtspfleg, Beteiligung von Mitarbeitern der Arbeiterwohlfahrt an gesetzgeberischen Verfahren, unmittelbare Beteiligung an der öffentlichen Wohlfahrtspflege und Vermittlung von Arbeitskräften und Kooperation mit anderen Organisationen der freien Wohlfahrtspflege.

Organisation des AWO Bezirksausschusses Hannover (1930)

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Organisation des Bezirksausschusses und der Ortsausschüsse vor der am 17.8.1930 im Volksheim, Hannover, stattfindenden Bezirkskonferenz.
Bezirksausschuss für Arbeiterwohlfahrt: Büro: Odeonstraße 15/ 16, 1. Stock, Zimmer 5, Telefon 289 06. Der Bezirksausschuss besteht aus einem geschäftsführenden Ausschuss mit Sitz in Hannover und einem Beirat von je zwei Mitgliedern aus den Unterbezirken der Partei.
Geschäftsführender Ausschuss: Vorsitzender: Fritz Feldmann, Hannover, Stüvestraße 17. Kassierer: Max Meßig, Hannover, Odeonstraße 15/ 16, Luise Sander, Hannover, Bultstraße 7A, Charlotte Lange, Hannover, Vahrenwalder Straße 54B, Marie Schwarze, Hannover, Gelbestraße 20, Hermann Schönleiter, Hannover, Odeonstraße 15/ 16.
Beirat: Unterbezirk Hannover-Land: Mimi Schädlich, Celle, Breite Straße 25, Chr. Geyb, Münder. a.D., Feldstraße 14, Unterbezirk Hildesheim: Marie Wagenknecht, Hildesheim, Cheruskerring 14, Ernst Schulze-Freywald, Alfeld, Unterbezirk Nienburg: Robert Mathias, Nienburg, Große Drakenburger Straße, Luise Wynecken, Nienburg, Friedrichstraße 16, Unterbezirk Lüneburg: Max Diedrich, Lüneburg, Bleckeder Landstraße 48, Hermine Lou, Harburg, Auguststraße 16.Unterbezirk Göttingen: Sophie Werzeiko, Hann. Münden, Rosenstraße 12, Auguste Jünemann, Einbeck,
Provinzialausschuss für Arbeiterwohlfahrt: Fritz Feldmann, Hannover, Stüvestraße 17, Vorsitzender, Max Meßig, Hannover, Odeonstraße 15/ 16, Marie Schwetje, Hannover, Geibelstraße 20, Olga Stolke, Hamburg 36, Theaterstraße 42, Karl Kühsche, Stade, Teichstaße 19A, Elisabeth Frerichs, Rüstringen, Peterstraße 83, Pauline Abelsburg, Wilhelmshaven, Börsenstraße 12.
Ortsausschüsse
Adendorf: Vorsitzende: Franziska Schmidt, Alsfeld: Vorsitzender: Gustav Schuppmann, Leinstraße 10, Andreasberg, Vorsitzende: Helene Kirsch, Mühlenstraße 283, Barsinghausen, Vorsitzender: Wilhelm Ragge, Sophienstraße 17, Bassum, Vorsitzender: Heinrich Windhorst, Lange Straße, Bevensen, Vorsitzende: Alwine Heine, Saßendorfer Weg 3, Bockenem, Vorsitzender: Wilhelm Koch, Grasweg 468, Brink-Langenforth, Vorsitzender: August Sander, Langenforth 28, Celle, Vorsitzender: Heinrich Rehlen, Weinstraße 5, Diekholzen: Vorsitzender: Marie Tolle, Kolonie 90, Drakenburg: Vorsitzender: Max Rogge, Nr. 135, Duderstadt: Vorsitzender: Karl Vollmer, Spiegelbrücke 179, Duingen: Vorsitzender: Max Handke, Nr. 41, Egesdorf: Vorsitzender: Friedrich Usche, Brandtstraße 208, Einbeck: Vorsitzende: Auguste Jünemann, Oleburg 7, Elbingerode: Vorsitzender: Otto Beckmann, Am Kronprinz, Erichshagen: Vorsitzender: Fritz Sasse, Nr. 206, Gr. Freden: Vorsitzender: Adolf Vombach, Kuhle, Kl. Freden: Vorsitzender: Heinrich Rickling, Hirtenplatz, Godshorn: Vorsitzender: Hermann Stöter, Nr. 153, Goslar: Vorsitzender: Fritz Brennecke, Kornstraße 86, Göttingen: Vorsitzende: Wilhelmine Potratz, Untere Masch 10, Grasdorf: Vorsitzender: Hermann Strauß, Nr. 5, Gronau: Vorsitzender: Fritz Schlue, jun., Kampweg 200, Grone: Vorsitzende: Dorette Froß, Siedlung 203, Großbeere: Vorsitzender: Wilhelm Rimrodt, sen., Großbeere, Hameln: Vorsitzender: Johann Krahn, Gröninger Straße 12, Hannover: Vorsitzender: Fritz Feldmann, Stüvestraße 17, Büro: Odeonstraße 15/ 16, Zimmer 5, Hann. Münden: Vorsitzende: Sophie Werzeiko, Rosenstraße 12, Harburg a.d.Elbe: Vorsitzend: Hermine Lau, Augustenstraße 16, Herzberg a.Harz: Vorsitzender: Heinrich Füllgrabe, Sieberstraße 162, Hildesheim: Vorsitzende: Marie Wagenknecht, Cheruskerstraße 14, Hilwatshausen: Vorsitzende: Auguste Hildebrandt, Neue Straße 10, Himmelsthür: Vorsitzender: Willi Plappert, Nr. 60, Hagenbostel: Vorsitzender: Ernst Ostleben, Edenstraße, Hohnstedt: Vorsitzende: Johanne Wieldt, Siedlung 115, Holtorf: Vorsitzender: Franz Menz, Nr. 76, Kirchohsen: Vorsitzender: H. Bergmann, Nr. 40, Laatzen: Vorsitzender: Karl Ewert, Hildesheimer Straße 7, Lauterberg: Vorsitzender: Anna Dreymann, Hüttenstraße 29, Lehrte: Vorsitzende: Luise Kerstan, Osterstraße 6, Lüchow: Vorsitzender: Karl Wegener, Karl Schulz Straße 15, Lüneburg: Vorsitzende: Marie Diedrich, Landstraße 48, Miesburg: Vorsitzende: Helma Angelbeck, Jugendheim, Moringen: Vorsitzender: W. Hartmann, Mannenstraße, Münder: Vorsitzender: Christian Groß, Feldstraße 14, Neilingen: Vorsitzender: Wilhelm Thönnies, Nr. 210, Neustadt: Vorsitzender: Ernst Lasker, Landwehr 17, Nienburg: Vorsitzende: Luise Wynecken, Friedrichstraße 16, Northeim: Vorsitzende: Marie Günther, Rosenstraße 1, Oldendorf: Vorsitzender: Fr. Schwenke, Oldendorf, Osterode: Vorsitzende: Hedwig Schröder, Ägidienstaße 8, Osterwald: Vorsitzende: Martha Ziegler, Nr. 194, Paliensen: Vorsitzender: Karl Funke, Steinstraße 53, Peine: Vorsitzender: Frieda Schwenk, Lessingstraße 2, Rautenberg: Vorsitzender: Willi Warmbold, Rauenberg, Groß Rhüden: Vorsitzender: Otto Nordmann, Kolonie 228, Salzderhelden: Vorsitzende: Lina Urban, Salzdetfurt: Vorsitzender: Heinrich Homes, Salinenstraße 105, Sarstedt: Vorsitzender: Paul David, Forststraße 50, Schladen: Vorsitzender: Erich Bauer, Hindenburgstraße 285, Schwedenstedt: Vorsitzender: Karl Exner, Seelze: Vorsitzender: Ernst Friedrich, Nr. 209, Sehlem: Vorsitzender: Wilhelm Wettig, Nr. 52, Silium: Vorsitzender: Klara Engler, Speele: Vorsitzende: Anna Konegen, Speele, Siederdorf: Vorsitzende: Marie Gille, Nr. 7a, Steigerthal: Vorsitzende: Ida Meißner, Nr.305, Stöckheim: Vorsitzende: Elisabeth Braunholz, Nr. 73, Sudheim: Vorsitzende: Frieda Winter, Soke: Vorsitzender: Ludwig Greve, Ülzen i.H.: Vorsitzender: Max Rauschke, Albertstraße 30, Uslar i.Solling: Vorsitzende: Frieda Böttcher, Lange Straße 176, Vogelbeck: Vorsitzender: A. Beulshausen, Grasweg 57, Wassensen: Vorsitzende: Hermine Bösenberg, Nr. 92, Weende: Vorsitzende: Karoline Fahlbusch, Landstraße 208, Wietze: Vorsitzender: Friedrich Ott, Kolonie 137, Wilhemlsburg: Vorsitzende: Friedrich Ott, Werft 1, Wunstorf: Vorsitzender: Otto Jarneik, Neue Straße 1, Wustrow i.H.: Vorsitzender: Hans Rühl, Feldstraße 38.
Quelle: Bericht des Bezirksausschusses und der Ortsausschüsse an die am 17.8.1930 im Volksheim zu Hannover stattfindende Bezirkskonferenz, in: Bernd Rabe, Solidarität im Alltagsleben. Geschichte der Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Hannover e.V. S. 124.

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Else Wagener (1913-1997)

Porträt der Ratsherrin und Ehrenbürgerin Else Wagener aus dem Ratssaal
Porträt der Ratsherrin und Ehrenbürgerin Else Wagener aus dem Ratssaal der Stadt Göttingen

Wagener, Else, geb Fischer

Tante Else der Stadt Göttingen, Kindergärtnerin,
* Friedrichsthal bei Saarbrücken 4.6.1913  Ferienwohnung des Sohnes Klaus in Cala Rajada, Mallorca, Spanien 1997, oo Otto Wagener 30.5.1936, * 13.2.1913 3.11.1976, 1930 Mitglied der ISK-Jugend, 30.5.1936 wohnhaft Karl-Marx-Straße 34, 14.5.1939 Sohn Klaus wird geboren, 1945 ehrenamtliches Mitglied der neu gegründeten Arbeiterwohlfahrt, Rückführung des Kindergartens Geismar Landstraße 40A in das Eigentum der Arbeiterwohlfahrt, 26.1.1946 SPD-Vorstandsmitglied Franz Arnholdt schlägt den Besatzungsbehörden ELSE WAGENER als Frauensekretärin für den neu zu benennenden Rat der Stadt vor, Tätigkeit im ersten ernannten Rat der Stadt,
13.10.1946 Wahl zur Ratsherrin im Rat der Stadt, 28.11.1948 Kandidatur für den zweiten gewählten Rat der Stadt, Wahl im Wahlbezirk V zum Ersatzmann an dritter Stelle, 1956-1972 Mitglied des Rates der Stadt Göttingen, Vorsitzende des Sozial- und des Jugendausschusses, mehrere Jahre im Bau- und Planungsausschuss, im Ausschuss für Grundstücksverkehr und Wohnungsbau, im Verwaltungsrat der Städtischen Sparkasse und im Aufsichtsrat der Theater GmbH., 1948–1971 erste Vorsitzende des Ortsvereins und des Kreisverbands der Arbeiterwohlfahrt (Ehrenbürgerakte, Bl 59), Aufbau des Kindergartens in der Geismarer Landstraße 40a, Altenbetreuung im Seniorenheim Auf dem Hagen, im Naturfreundehaus und in den Seniorenwohnungen Auf dem Toppe und in Herberhausen, unter den Kindern des Kindergartens und in der Bevölkerung der Stadt wird sie Tante Else genannt.
2.3.1973 auf Anregung Artur Levis und der SPD-Fraktion beschließt der Rat der Stadt Göttingen, Frau Else Wagener die Ehrenbürgerrechte zu verleihen, 4.7.1973 die Stadtverwaltung plant, Verleihung der Ehrenbürgerrechte an ihrem 60. Geburtstag wegen ihrer Verdienste als langjährige Ratsherrin und – ganz besonders – wegen ihrer Arbeit als erste Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt Göttingen. 20.3.1974 nach viermaligem Modelsitzen malt der Künstler William Schöpp das Porträt der Ratsherrin, das Bild kostet die Stadt 2.500 DM, nach telefonischer Rücksprache versichert der Künstler, dass das Bild mit Rahmen geliefert wird. 14.12.1985 nach langer Krankheit Teilnahme an der Weihnachtsfeier in der Tagesstätte der Arbeiterwohlfahrt für Senioren Am Saathoffplatz 11, heute Seniorenzentrum Göttingen, Ingeborg-Nahnsen-Platz 1., 8.1.1987 Einladung des Oberbürgermeisters Artur Levi zum Neujahrsempfang ins Alte Rathaus, 4.6.1993 Sohn Klaus signalisiert der Stadt, dass seiner Mutter ein Empfang zu ihrem 80. Geburtstag in der Halle des Alten Rathauses angenehm wäre. Er wohnt in Oberkochen und arbeitet bei der bei der Firma Carl Zeiss. Geladen sind 80 Gäste. Ein Grußwort sprechen Frau Prof. Ingeborg Nahnsen, SPD-Stadtverband und SPD-Ratsfraktion und Gabriele v. Reyher vom Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt Göttingen, 12.1.1997 Sohn Klaus informiert die Stadt, dass seine Mutter auf Mallorca einem Herzinfarkt erlegen sei. Sie soll auf Mallorca eingeäschert und auf dem Göttinger Stadtfriedhof beigesetzt werden.

Porträt der Ratsherrin und Ehrenbürgerin Else Wagener aus dem Ratssaal
Porträt der Ratsherrin und Ehrenbürgerin Else Wagener aus dem Ratssaal Göttingen

Otto Rogge (1892-1973)

Otto Rogge in den 60iger Jahren. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.
Otto Rogge. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.

Vom Wandergesellen zum Geschäftsführer der organisierten Arbeiterwohlfahrt
• ROGGE , Otto Heinrich Hermann, Bauwerkmeister, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt
*Ronnenberg Kr. Hannover 13.6.1892
Göttingen, Seniorenheim Gutenberg Stift, Reinhäuser Landstr.66, 2.7.1973
• 1898-1906 Volksschule Ronnenberg
• 1906-1909 Maurerlehrling im Baugeschäft
• 1909-1912 als Maurergeselle erwandert, Tätigkeit als Schornstein- und Feuerungsbauer, Stoßgeselle, Polier, Bauwerkmeister
oo 1919 Emma Rogge * Wennigsen 10.7.1896 †Göttingen 22.2.1946
• 1909-1913 Mitglied der SPD, ausgeschieden wegen Wehrdienst
• 1919-1933 erneut Mitglied der SPD
• 17.6.1929 Umzug Göttingen, Lange Geismarerstraße 65 b. GARNEBOGE
• 1928 bis 1933 Leiter der Baugewerkschaft,
• 1930-1933 Mitglied des Kreisvereinsvorstands der SPD Göttingen,
• 1933 wegen seiner Mitgliedschaft in der Gewerkschaft und der SPD wurde er wiederholt abgeholt, tags und nachts verhört und misshandelt, einer Verhaftung konnte er sich entziehen, 1942 Verhaftung, in die Organisation Todt in Russland eingezogen, 1945 wieder Mitglied der SPD Göttingen, 1948 Erster Vorsitzender des Ortsvereins, 18.10.1945 auf Vorschlag der britischen Besatzung zum Ratsmitglied im ersten Rat der Stadt Göttingen ernannt, 1945 neben FELIX KRAFT, ERNST STEINMANN, ALFRED BORNEMANN und HEINRICH ISCHE Mitglied des Vorbereitenden Ausschusses, dem Vorläufer des Wiedergründungsausschuss der SPD Göttingen, 5.9.1945 Sitzung des Vorbereitenden Ausschusses wegen Fritz Schmalz in der Privatwohnung OTTO ROGGES im Haus Groner-Straße 36, 1945-1948 Mitglied des Vorstands im Ortsverein, 1946-1964 als ehrenamtliches Mitglied in den Rat der Stadt Göttingen gewählt, von den 20 Mitgliedern der SPD-Fraktion im ersten gewählten Rat der Stadt Göttingen 1946 sind neben OTTO ROGGE, FRITZ KÖRBER, DR. HEINRICH DÜKER und das ehemalige Mitglied der ISK-Jugend,ELSE WAGENER, sieben  ehemalige ISK-Mitglieder oder ISK-Sympathisanten.

• 1948-1964 Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt
• 1950 Nachfolger von Prof. Dr. GLÄß als Fraktionsvorsitzender der SPD, 1952 Bauausschuss, Geschäftsordnungskommission und Revisionsausschuss (in beiden Fachausschüssen zeitweilig erster beziehungsweise stellvertretender Vorsitzender) später auch im Zweckverbandsausschuss und als Vertreter von Herrn JEEP im Verwaltungsausschuss, 1961 im Wirtschafts- und Verkehrsausschuss sowie im Ausschuss für die Eigenbetriebe und öffentlichen Einrichtungen, Elektrobeirat und Feuerschutzausschuss (alle Daten zusammengestellt nach den Akten Hauptamtes),
• 1953 auf Anregung des Bezirksausschusses für Arbeiterwohlfahrt fragt das Regierungspräsidium Hannover, i. V. CURTZE, an, die Eignung OTTO ROGGES, Göttingen, Groner Straße 36, für den Bundesverdienstorden zu prüfen. Curtze interessiert dabei besonders, ob sich Rogge zur demokratischen Staatsauffassung bekenne, ob er sich was zuschulden habe kommen lassen und ob er im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte sei.
• 17.2.1972 der Rat der Stadt beschließt einstimmig die Verleihung der Ehrenbürgermedaille für sein unermüdliches Engagement im Interesse der Allgemeinheit und für seine Arbeit als Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, 31.2.1972 Erkrankung, es ist zweifelhaft, ob er die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen annehmen kann.
• 1972 wohnhaft im Alten- und Pflegeheim Geschwister Reinhold und Gutenberg Stift in der Reinhäuser Landstraße 66.
• 15.3.1972 Verleihung der Ehrenmedaille der Stadt Göttingen im Fernsehraum des Gutenberg Stifts, 45 Gäste sind anwesend, neben Vertretern der Stadt auch Oberstudiendirektor Wolfgang Rogge und Frau aus Hameln, Karl-Heinz Rogge und Frau aus Ronnenberg, Frau Eiteljörg Rogge und Sohn, wohnhaft Göttingen, Allerstraße 41, und vier Heiminsassen, das Kulturamt lässt acht Verleihungsurkunden anfertigen,
• 28.6.1973 Pressemitteilung des Stifts über den Tod OTTO ROGGES

Otto Rogge in den 60iger Jahren. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.
Otto Rogge in den 60iger Jahren. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.

AWO Göttingen nach 1945

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Die Gründung der Arbeiterwohlfahrt nach 1945. SPD Nähe und doch Überparteilich.

Die Gründung der Arbeiterwohlfahrt nach 1945 ist in Göttingen eng an die Wiedergründung der SPD als Ortsverein gekoppelt. Dennoch gilt die Arbeiterwohlfahrt nicht als SPD-Organisationen. Sie wird eher als überparteiliche freie Wohlfahrtsorganisation wahrgenommen. Nachdem die Kommunisten aus der Organisation ausgeschlossen werden, sind gerade sie es, die die Überparteilichkeit der AWO besonders betonen. (Hannoversche Volksstimme 22.2.1947). Das Oberkommando der britischen Besatzungszone unter General Montgomery will größere politische Organisationen verhindern. Die Gefahr ist noch nicht gebannt, dass sich mit nationalsozialistischem Gedankengut kontaminierte Kräfte eine Plattform schaffen, um die Naziherrschaft zu reorganisieren. Zudem ist die Arbeiterwohlfahrt in Göttingen mit anderen freien Wohlfahrtsorganisationen – dem Roten Kreuz, der Caritas und der Inneren Mission in der Göttinger Nothilfe (Hannoversche Presse 15.10.1946) zusammengefasst, was auch dazu beiträgt, dass die AWO nicht unmittelbar als ein SPD-Organisation wahrgenommen wird. Die enge Kooperation mit anderen freien Wohlfahrtsorganisationen lässt den sozialdemokratischen Charakter der AWO nach 1945 nicht so in den Vordergrund treten, wie das noch vor 1933 der Fall ist.

Diese zumindest vordergründige Entkoppelung der AWO von der Partei hat nach Felix Kraft, dem Göttinger Parteigründer nach 1945, die Konsequenz, dass der Frauenanteil in der SPD Göttingen von ca. 20% vor 1933 auf ca. 11% nach 1945 zurückgegangen ist. Vor 1933 hat die SPD die Arbeiterwohlfahrt auch genutzt, um für Frauen ein Tor in die Politik zu öffnen. LUISE STEGEN, LUISE SYRING und LUISE MERGARD verstanden sich nicht nur als Mitarbeiterinnen der freien Wohlfahrtspflege, sondern auch als aktive Kommunalpolitikerinnen. Was die Verbindung zwischen Arbeiterwohlfahrt und SPD nach 1945 nicht so deutlich werden lässt, ist, dass während der Parteigründung durch Felix Kraft die Arbeiterwohlfahrt beiläufig, ja, fast unbemerkt mit gegründet wird. Dennoch kann ein festes Datum rekonstruiert werden, an dem die Arbeiterwohlfahrt als freie Wohlfahrtsorganisation nach 1945 unter dem Dach des SPD-Ortsvereins aus der Taufe gehoben wird.
Der Göttinger Ortsverein der SPD geht aus der antifaschistischen Zelle (StadtAGö, Breuker, 1974, 47) die Felix Kraft, der Werkmeister der Göttinger Firma Feinprüf, heute Mahr, vor 1945 gebildet hat, hervor. Aus dieser antifaschistischen Zelle bildet sich personell der Vorbereitende Ausschuss, dem Vorläufer des eigentlichen Wiedergründungsausschusses. Ihm gehören neben Werkmeister bei Feinprüf, Felix Kraft, der Heizungsmonteur Ernst Steinmann, der Schriftsetzer Heinrich Ische, der Angestellte Alfred Bornemann, der Feinmechaniker Richard Schumacher und der Bauwerkmeister und AWO-Geschäftsführer, Otto Rogge, an. Am 8.8.1945 beschließen die Gründungsmitglieder in der Wohnung von Felix Kraft in der Heinrich-Heine-Straße 7e die sozialdemokratische Infrastruktur wieder herzustellen. Dazu gehören neben der Neugründung der Partei, die Gründung freier Gewerkschaften und die Wiederbelebung der Arbeiterwohlfahrt und der Arbeitersportbewegung.
Bei dem Gespräch am 30.8.1945 in der Wohnung von Felix Kraft ist auch das ISK-Mitglied Fritz Schmalz anwesend. Er versucht immer noch Kommunisten und Sozialdemokraten zu einer geschlossenen antifaschistischen Linksfront zu bewegen. Der sogenannten Schmalz-Initiative. Die Gefahr, dass der Nationalsozialismus wieder auflebt, ist nicht gebannt. Kurt Schumacher ist es dann, der die Schmalz-Initiative beendet. In einem Gespräch mit Willi Eichler bietet er den ISK-Mitgliedern an, in die SPD einzutreten, wenn sie im Gegenzug dazu bereit sind, den Internationale Sozialistischen Kampfbund umgehend auflösen. Eichler stimmt zu, der ISK löst sich im Dezember 1945 offiziell auf und die ISK-Mitglieder wie beispielsweise Fritz Körber, Dr. Düker und Else Wagener, ehemaliges Mitglied der ISK-Jugend, werden SPD-Mitglieder des Göttinger Ortsvereins (StadtAGö, Breuker, 1974, 52ff). Im Jahr drauf, am 15.10.1946 werden neben Else Wagener noch Dr. Düker, Otto Rogge, Heinrich Brüller, Franz Arnholdt, Fritz Körber und Felix Kraft in den Rat der Stadt Göttingen gewählt. Sieben der 20 Mitglieder der SPD-Fraktion im Rat sind ehemalige ISK-Mitglieder oder ISK-Sympathisanten. Willi Eichler und Fritz Schmalz verabschieden sich aus der Göttinger Kommunalpolitik. Schmalz bleibt der Region als Gewerkschaftssekretär treu und Willi Eichler wird auf der Bundesebene der SPD eine entscheidende Rolle spielen.
Noch bevor es zur Neugründung der Partei kommt, treffen sich die Mitglieder des Ausschusses in der Privatwohnung, heute Immanuel-Kant-Straße 13, Richard Schumachers, um dort am 29.8.1945 die Arbeiterwohlfahrt aus der Taufe zu heben. Als Sekretär der AWO wird der Buchhändler Alfred Bornemann eingesetzt. Er kann das Amt aber nur bis August 1946 ausführen, da er durch einem Autounfall bei Northeim am 16.8.1946 ums Leben kommt. Seit 1945 ist auch Else Wagener ehrenamtliches Mitglied der Arbeiterwohlfahrt. Von 1948 bis 1971 bekleidet sie das Amt der Ersten Vorsitzenden (StadtAGö, Ehrenbürgerakte Else Wagener).
Nachdem die Besatzungsbehörden den komplizierten Parteigründungantrag der Wiedergründungskommission genehmigt haben, verkündet Kurt Schumacher auf einer öffentlichen Sitzung am 6.12.1945 die Neugründung der SPD Göttingen. Nach dem Tod von ALFRED BORNEMANN übernimmt Geschäftsführer ZAPF (Hannoversche Presse 29.11.1946) die Leitung der Arbeiterwohlfahrt. Laut Tätigkeitsbericht vom November 1946 arbeiten für die Arbeiterwohlfahrt 40 ehrenamtliche Näherinnen in der Nähstube Angerstraße. In der Geismarer Landstraße entsteht der größte Kindergarten der Stadt. Auf Anregung der Arbeiterwohlfahrt inszeniert das Stadttheater für Flüchtlingskinder zu Weihnachten eine Sondervorstellung des Märchens Der kleine Muck. Jedes Kind erhält nach der Vorstellung ein kleines Weihnachtsgeschenk. Am 21.2.1947 heißt es in der Hannoverschen Presse: Die Arbeiter-Wohlfahrt für den Stadtkreis Göttingen hat ihre Geschäftsräume in der Paulinerstraße 18, gegenüber der Jacobikirche neben der heutigen Stadtbibliothek verlegt. Von 1948 werden Else Wagener wird Erste Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Göttingen. Otto Rogge wird Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt. Beide bleiben sehr lange aktiv. Otto Rogge bis 1964. Er erhält für seine Verdienste in der Kommunalpolitik und in der AWO die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen. Else Wagener füllt ihr Amt als Erste Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt bis 1974 aus. Sie wird 1973 Ehrenbürgerin der Stadt Göttingen. Damit ist die erste Gründungsphase der Arbeiterwohlfahrt nach der Kapitulation im April 1945 abgeschlossen.
ROGGE, OTTO
Bauwerkmeister, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt
*13.6.1892 † Göttingen 2.7.1973
oo Emma Rogge * 10.7.1896 †Göttingen 22.2.1946
1909 Mitglied der SPD
1928 bis 1933 Geschäftsführer der Baugewerkschaft, 1930-1933 Mitglied des Kreisvereinsvorstands Göttingen, 1945 neben Felix Kraft, Ernst Steinmann, Alfred Bornemann und Heinrich Ische Mitglied des Vorbereitenden Ausschusses, dem Vorläufer des Wiedergründungsausschuss der SPD Göttingen, 5.9.1945 Sitzung des Vorbereitenden Ausschusses wegen Fritz Schmalz in der Privatwohnung Otto Rogges im Haus Groner-Straße 36, diskutiert wurde die Idee von Fritz Schmalz, Sozialdemokraten und Kommunisten zu einer gemeinsamen antifaschistischen Linksfront zusammenzuschließen, 1945-1948 Mitglied des Vorstands im Ortsverein Göttingen, 1946-1964 Ratsherr, 1948-1964 Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, 1972 wohnhaft im Seniorenheim Gutenbergstift, Göttingen, 15.3.1972 Verleihung der Ehrenmedaille der Stadt Göttingen.

Reflexion, Polnische Straßenkünstlerin in Mistroije
Reflexion, Polnische Straßenkünstlerin in Mistroije

IJB und AWO Göttingen II

Gründung der Arbeiterwohlfahrt nach 1920 in Göttingen. Von der lokalen Wohlfahrtspflege zur organisierten Arbeiterwohlfahrt

Unter der Bezeichnung Ortsausschuss Göttingen des Ausschusses für Arbeiterwohlfahrt führt das SPD-Mitglied Luise Stegen (Volksblatt Göttingen (VB) 12.12.1920) schon am 12. Dezember 1920 eine Haussammlung für Geldspenden, Textilien und getragene Kleidungsstücken durch. Die Weihnachtsaktion ist eine freiwillige Initiative der sozialdemokratischen Frauengruppe des Ortsvereins der Göttinger SPD, deren Leiterin Luise Stegen ist.
Die AWO des Parteivorstands in Berlin wird genau ein Jahr zuvor am 13.12.1919 offiziell unter der Bezeichnung Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt von Marie Juchacz gründet. Im März 1920 formuliert der Hauptausschuss seine vorläufigen Richtlinien und verbindet diese mit dem eindringlichen Appell an die Partei, Bezirks- und Ortsausschüsse für Arbeiterwohlfahrt ins Leben zu rufen. (Fritzmichael Roehl, MARIE JUCHACZ 1961, 84).
In Hannover wird daraufhin sehr zügig der Bezirksausschuss für Arbeiterwohlfahrt eingerichtet, an dessen Spitze der Juchacz-Mitarbeiter Fritz Feldmann steht (VB, 12.12.1920, 4). Die Parteispitze um Ebert und Juchacz will auf kommunaler Ebene die Wohlfahrtsarbeit nicht allein lokalen Initiativen überlassen. In ihren Augen braucht die Arbeiterbewegung eine schlagkräftige Wohlfahrtsorganisation, die in der Lage sein soll, selbstbewusster gegenüber Staat und Behörden aufzutreten. In den kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen sehen sie eine Konkurrenz, manchmal auch einen Gegner, aber nie Unterstützung. Mit der Gründung des Hauptausschusses soll die Wohlfahrtsarbeit der Partei auch eine politische Dimension im Reichstag bekommen. Die organisierte Arbeiterwohlfahrt soll in den Bereichen Kinderbetreuung, Altenpflege oder Krankenfürsorge als Partner der kommunalen Wohlfahrtsämter auftreten. Über die Partei soll der Hauptausschuss darüber hinaus im Reichstag Einfluss auf die Sozialgesetzgebung nehmen. Marie Juchacz war ja Mitglied des Reichstags. Die Richtlinien des Hauptausschusses sehen diese politische Einflussnahme vor.
Lokale und freiwillige Initiativen wie die Haussammlung von Luise Stegen im Göttinger Ausschuss für Arbeiterwohlfahrt werden in Berlin und Hannover zwar gelobt. Sie sind aber eigentlich nicht im Sinne der Politik der Parteispitze. Die strebt danach, die lokalen, ehrenamtlichen Initiativen nicht sich selbst zu überlassen, sondern in die Bezirks- und Ortsausschüsse für Arbeiterwohlfahrt zu integrieren. Deshalb häufen sich nach der Gründung des Hauptausschusses die Appelle an die Ortsvereine, auch Ortsausschüsse für Arbeiterwohlfahrt zu gründen. (HANNA KIRCHNER, VB 4.10.1926) Die Annäherung der ehrenamtlich agierenden Luise Stegen und anderer Frauen an die neue AWO-Organisation in Hannover und Berlin ist schwierig. Deshalb wundert es nicht, dass sich die offizielle Gründung des Ortsausschusses für Arbeiterwohlfahrt Göttingen erst fünf Jahre später, im Oktober 1925 vollzieht.

Leonard Nelson. Philosophieprofessor in Göttingen. Gründer des Internationalen Jugendbundes (IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.
Leonard Nelson. Philosophieprofessor in Göttingen. Gründer des Internationalen Jugendbundes (IJB) und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums, Göttingen.

Gefördert wird die Frauengruppe um Luise Stegen von einer SPD-Unterorganisation im Ortsverein Göttingen, dem Nelson-Bund, genauer dem Internationalen Jugendbund. Seine Mitglieder treten 1922 in die Partei auf Ortsebene ein. Sie verhalten sich zunächst ganz unauffällig, verändern dann aber sehr nachhaltig das Erscheinungsbild der Partei auf Ortsebene. Die Aktivisten des IJB in seiner Göttinger Arbeit sind Willi Eichler und Fritz Schmalz.

Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.
Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.

Zu den bevorzugten Zielgruppen ihrer Initiativen im Ortsverein gehören die Jungsozialisten, die Lehrer des Lehrerkampfbundes und ganz besonders die sozialdemokratischen Frauen. In ihnen sehen Eichler und Schmalz ein großes politisches Potential, das nur geweckt werden muss. Um ihre Position in der Partei zu festigen, organisieren Eichler und Schmalz die lokalen Wahlkämpfe der Partei. Im Dezember 1924 gelingt es, den SPD-Vorsitzenden des Göttinger Ortsvereins, Richard Schiller, in den Reichstag wählen zu lassen. Richard Schiller ist nicht Mitglied im IJB. Er ist aber ein überzeugter Sympathisant und Anhänger des Führerschaftsprinzips der Philosophie Leonard Nelsons. Nicht nur personell, sondern auch inhaltlich-programmatisch verändern Eichler und Schmalz das Gesicht der Partei in Göttingen.
Auch im Kreis der sozialdemokratischen Frauengruppe werden inhaltliche und organisatorische Veränderungen vorgenommen. Die Gruppe wird aufgeteilt in die Frauenkommission unter Leitung von Luise Stegen und in die Frauenarbeitsgemeinschaft für politische Bildung, deren Leitung Luise Syring übernimmt. Die Frauenkommission wird der helfende und wohltätige Arm der SPD in der Stadt Göttingen. Hier werden auch die Bemühungen des Nelsonianers Fritz Schmalz sichtbar, Luise Stegen und ihre Mitstreiterinnen an den Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt heranzuführen. Einfach ist das nicht, denn die Frauen sind es gewohnt, in eigener Regie zu arbeiten. Einen eigenen Ortsausschuss zu gründen, hieße, diese Selbstbestimmung einzuschränken. Wie viel Unbehagen gerade Luise Stegen dieser Gedanke bereitet haben muss, zeigt sich daran, dass sie an der Bezirkstagung der Arbeiterwohlfahrt in Hannover im März 1925 nicht teilnimmt. Das Protokoll der Tagung sagt, dass 45 Ortsausschüsse und 10 Vertreter aus Bezirksausschüssen anwesend sind. Angereist sind auch 55 Gäste, also Mitglieder der freiwilligen örtlichen Wohlfahrtspflege, die noch nicht in Ortsausschüssen organisiert sind. Fünf Jahre nach der Gründung des Hauptausschusses scheinen sie immer noch in der Mehrheit zu sein.
Der Druck auf die noch nicht Organisierten, endlich Ortsausschüsse zu gründen, wächst. Und, als wolle man Kompromissbereitschaft signalisieren, wird im Kreis der Frauenbewegung die Arbeiterwohlfahrtskommission (VB 28.2.1925) ins Leben gerufen. Unter Einfluss des IJB soll so signalisiert werden, dass sich die Frauenkommission programmatisch in Richtung organisierte Arbeiterwohlfahrt bewegt. Luise Stegen führt in den Sommerferien 1925 die Ferienausflüge mit Eltern und Schulkindern durch. Ziel der Wanderungen mit den Schulkindern ist nicht selten die Gartenschenke des Genossen Heinrich Hampe in Grone. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen zur Gründung eines Ortsausschusses. Am 7.9.1925 hält die Genossin Marie Wagenknecht vom Ortsausschuss für Arbeiterwohlfahrt Hildesheim einen Vortrag im Volksheim. Einige Wochen zuvor hat sich der Vorsitzende des Bezirksausschusses in Hannover, Fritz Feldmann (VB 10.9.1925), mit einem konkreten Anliegen an die Ortsvereine gewandt. Der Staat hat die sogenannte Wöchnerinnenfürsorge abgegeben und in die Hände der freien Wohlfahrtsverbände gelegt. Feldmann bittet die Ortsvereine, Ortsausschüsse zu gründen, um sich an der Versorgung der Wöchnerinnen beteiligen zu können.
Am 21.8.1925 wird Fritz Schmalz (VB 25.8.1925) von den 450 Parteimitgliedern einer außerordentlich einberufenen Versammlung zum ersten Vorsitzenden des Ortsvereins der SPD Göttingen gewählt. In die Führungsebene der Partei kommen als Beisitzerin auch das IJB-Mitglied Luise Mergard und die Genossinnen Erna Siem und Maria Kneisel, beide Mitglieder im IJB-Lehrerkampfbunds. Fritz Schmalz, der neue Vorsitzende, nutzt seinen gewachsenen politischen Einfluss. Am 5.10.1925 lädt er die sozialistische Frauengruppe zu einer außerordentlichen Zusammenkunft ins Volksheim ein. Der erste Tagesordnungspunkt ist: Arbeitsplan für den Winter, der zweite Tagesordnungspunkt: Gründung eines Ortsausschusses für Arbeiterwohlfahrt. Am 5.Oktober macht Schmalz die anwesenden Frauen mit den Richtlinien des Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt vertraut. In der sich anschließenden Wahl wird Luise Mergard zur Ersten Vorsitzenden des neu gegründeten Ortsausschusses gewählt. Damit ist die AWO in Göttingen offiziell gegründet. Schon auf der Versammlung werden allerdings Proteste gegen diese Gründung laut. Ihr Argument ist, dass es bereits eine Arbeiterwohlfahrt in Göttingen gäbe. In der SPD stehen sich die bisherigen Aktivistinnen und die vom IJB organisierte Arbeiterwohlfahrt unversöhnlich gegenüber.

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IJB und AWO Göttingen

Die drei Luisen im Göttinger Ortsausschuss für Arbeiterwohlfahrt (1925-1933). Luise Stegen, Luise Syring, Luise Mergard

Mädchenheim Jüdenstraße 39. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.
Mädchenheim Jüdenstraße 39. Hier finden die Nähabende der Arbeiterwohlfahrt statt. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.

Unter dem Stichpunkt Die Tätigkeit unserer Frauen, schreibt Paul Lehmann, Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Göttingen, in seinem Geschäftsbericht 1928 (FES, Geschäftsbericht 1928): In 27 Ortsvereinen der SPD sind Frauen organisiert. Leider in manchen nur eine. Mit dieser selbstkritischen Ironie verbindet der Unterbezirkssekretär Lehmann den Appell an die Genossen, in stärkerem Maße als bisher die eigenen Ehefrauen in die Parteiarbeit einzubeziehen, d.h. zu organisieren.
Für den Göttinger SPD-Ortsverein ist dieser Appell nicht gedacht. Hier gibt es seit 1918 eine aktive Frauenbewegung. Allein drei der Aktivistinnen heißen Luise. Luise Stegen, Luise Syring und Luise Mergard. Luise Stegen arbeitet 30 Jahre Vollzeit bei der Göttinger Firma Mahrt & Hoerning als Aufwartefrau (StadtAGö, Volksblatt 31.1.1931) Sie ist die Ehefrau des Vorsitzenden des Ortsvereins Wilhelm Stegen. Nach 1918 leitet sie die Sozialistische Frauengruppe im Ortsverein Göttingen. Luise Syring ist Vorsitzende der Frauenarbeitsgemeinschaft für politische Bildung und Mitglied des Rates der Stadt Göttingen. Luise Mergard verändert zusammen mit Fritz Schmalz und Willi Eichler das Erscheinungsbild des Ortsvereins der SPD Göttingen. Mergard nimmt Veränderung mutig und kämpferisch. Keine Emotionen.
Luise Stegen ist die Wohltätige. Luise Syring die Politische und Luise Mergard die ideologisch geschulte Frau des Internationalen Jugendbundes. Keine der drei Frauen hat eine Berufsausbildung. Stegen arbeitet als Putzfrau, Syring als Büglerin und Mergard als Dienstmädchen. In der Partei aufgestiegen sind alle drei aufgrund eigener Dynamik. Unterstützt werden sie dabei von ihren Männern, wie das Paul Lehmann seinen Genossen schon ans Herz gelegt hat. Luise Stegen vom Schuhmachermeister und SPD-Vorsitzenden Wilhelm Stegen. Luise Syring ist in zweiter Ehe mit Bernhard Syring, dem Hausmeister des Jugendheims in der Hospitalstraße 1, verheiratet. Das Jugendheim ist auch ein Zentrum der Freidenker in Göttingen.

Hospitalstraße 1, Jugendheim Göttingen. Heute Junges Theater. Quellen: Fotoarchiv des Städtischen Museums.
Hospitalstraße 1, Jugendheim Göttingen. Heute Junges Theater. Quellen: Fotoarchiv des Städtischen Museums.

Luise Mergard ist Ehefrau des Werkmeisters der Bahn, Wilhelm Mergard. Die drei Frauen lösen einander im Vorsitz des Ortsausschusses für Arbeiterwohlfahrt von 1925 bis 1933 ab. Das IJB-Mitglied Luise Mergard wird am 5.10.1925 zur ersten Ersten Vorsitzenden der Arbeiterwohlfahrt in der Stadt von den Frauen der Sozialistischen Frauengruppe gewählt. Allerdings nur für einige Wochen. Es mag überraschen, dass Luise Stegen in dem neu gegründeten Ortsausschuss nicht den Vorsitz übernommen hat. Es ist aber anzunehmen, dass sie der institutionalisierten Arbeiterwohlfahrt kritisch gegenüberstand. Nähabende, Kinderwanderungen und Haussammlungen, das sind in ihren Augen die typischen Tätigkeiten der Wohlfahrtspflege. Die Orts-und Bezirksausschüsse haben was anderes vor. Sie wollen mit den Wohlfahrtsämtern kooperieren und Politik für die Arbeiterbewegung machen. Deshalb ist Luise Stegen vermutlich am 10.3.1925 (VB 12.3.1925) der Bezirkstagung der Arbeiterwohlfahrt unter Leitung von Friedrich Feldmann in Hannover ferngeblieben. Wegen dieser offensichtlichen Distanz zur organisierten Arbeiterwohlfahrt hat die IJB-Spitze im Ortsverein der SPD Göttingen anderen Frauen den Vorzug gegeben. Erna Siem (VB 6.6.1925), die IJB-Lehrerin aus dem ISK-Lehrerkampfbund, übernimmt kurzzeitig die Leitung der Frauenarbeitsgemeinschaft und Luise Mergard wird einige Wochen Erste Vorsitzende im Ortsausschuss für Arbeiterwohlfahrt. Beide Posten teilen sich seit Jahren Luise Stegen und Luise Syring.

Als es auf der außerordentlichen Parteiversammlung am 16.11.1925 zum Bruch zwischen dem Internationalen Jugendbund und der SPD Göttingen kommt, teilt Luise Mergard den Delegierten den Rückzug aller IJB-Mitglieder aus ihren Parteiämtern mit. Als die Trennung zwischen Ortsverein und IJB vollzogen wird, freut sich Luise Stegen derart ausgelassen, dass sogar das Volksblatt darüber berichtet hat. Die IJB-Mitglieder verlassen aber nicht so ohne weiteres den Ortsverein. Mergard ist enttäuscht, hat aber einen Plan B. Es gelingt ihr zusammen mit Fritz Schmalz etwa ein Drittel der SPD-Frauen zum Parteiaustritt zu bewegen, um in den Internationalen Jugendbund zu wechseln, der sich jetzt Internationaler Sozialistischer Kampfbund nennt. Jetzt beginnt eine Art propagandistischer Straßenkampf (VB 9.12.1925) zwischen IJB und SPD in Göttingen.
Die letzten Wochen des Jahres 1925 sind für Luise Stegen so hektisch, dass sie mit den Vorbereitungen für das traditionelle Weihnachtsfest mit Kinderbescherung erst am 6.1.1926 fertig wird. 500 Kinder werden bewirtet und erhalten kleine Präsente. Auf der Vollversammlung des Ortsvereins am 21.1.1926 berichtet sie über die Tätigkeit des Ortsausschuss für Arbeiterwohlfahrt (VB 22.1.26). Stegen geht zur Tagesordnung über. Sie wird den Ortsausschuss bis 1931 leiten. Sie ist mittlerweile 60 Jahre alt geworden (VB 2.9.1931). Dann wird sie von der dritten Luise abgelöst. Luise Syring. Sie ist 47 Jahre.
Noch unter ihrem Namen, Luise Henkel, Kriegswitwe, wird sie auf der Kandidatenliste der Partei für die Gemeinderatswahlen im Mai 1924 ganz oben hinter den Parteispitzen Richard Schiller und Friedrich Wedemeyer platziert. Sie wird auch gewählt und ist Mitglied des Gemeinderates. Parallel dazu ist sie in der Frauenarbeitsgemeinschaft, dem Zentrum für politische Bildung, das auf eine Initiative der ISK-Mitglieder Fritz Schmalz und Willi Eichler im Ortsverein zurückgeht. Auf der Generalversammlung Mitte Januar 1933 berichtet sie über die Tätigkeit des Ortsausschusses für Arbeiterwohlfahrt. Es ist der letzte Tätigkeitsbericht aus der Leitung des Ortsausschusses vor der Auflösung durch die Nazis.

STEGEN geb. LOTTMANN
Luise, Marianne
Putzfrau
* Lamspringe, Kr. Alfeld 2.9.1871
† Göttingen 23.3.1953
oo 1894 Wilhelm Stegen, Schuhmachermeister, langjähriges Vorstandsmitglied der SPD Göttingen, 1908 SPD–Parteimitglied als eine der ersten Frauen, ehrenamtliche Tätigkeit im Deutschen Hilfsdienst während des Krieges. 1920 Vorsitzende des inoffiziellen Ausschusses für Arbeiterwohlfahrt. 1922 Vorsitzende der Frauenkommission des SPD Ortsvereins, 1924 Leitung des Frauentages des SPD Unterbezirks, 1924 Fusion der Frauenkommission mit der Frauenarbeitsgemeinschaft zur sozialistischen Frauengruppe, die traditionellen Nähabende finden im Jugendzentrum Jüdenstraße 39 statt, 1926 Vorsitzende des Ortsausschusses für Arbeiterwohlfahrt, Mitorganisatorin des vierten Frauentages des Unterbezirks in Northeim mit Gastrednerin MARIE JUCHACZ, 1929 zusammen mit Genossin WERZEIKO Vorbereitungen zum siebten Frauentag der SPD Südhannover, Gastrednerin ist Genossin Elisabeth KIRSCHMANN–ROEHL, Köln, die Schwester von Marie JUCHACZ, 1930 trotz Weltwirtschaftskrise erfolgreicher Jahresabschluss des Ortvereins für Arbeiterwohlfahrt.

SYRING geb Vollmer
Luise, Frederike, Regina, Plätterin,
* Klein Lengden 26.3.1884
† Göttingen 3.4.1949
ooI Karl Henkel, gefallen 1916
ooII 1925 Bernhard Syring, Metallarbeiter,
Hausmeister des Jugendheimes, Hospitalstraße 1.

Hospitalstraße 1. Speisesaal des Jugendheimes Göttingen vor 1933 und einige Jahre nach 1945. Heute Junges Theater. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums.
Hospitalstraße 1. Speisesaal des Jugendheimes Göttingen vor 1933 und einige Jahre nach 1945. Heute Junges Theater. Quelle: Fotoarchiv des Städtischen Museums.

1924 Gründung der Frauenarbeitsgemeinschaft, Wahl in den Gemeinderat, Mitorganisation der ersten Frauenkonferenz des Unterbezirks, 1924 Veranstaltung politischer Abend der Frauenarbeitsgemeinschaft, 1932 Übernahme des Vorsitzes des Ortsausschusses von Luise Stegen, Bericht über die Tätigkeit der Arbeiterwohlfahrt auf der Vollversammlung des Ortsvereins im Januar. 1933 Schließung des Jugendheims und Parteiaustritt, am 17. Januar 1933 gab Genossin Syring auf der Generalversammlung des Ortsvereins einen letzten Jahresbericht über die Tätigkeit der Arbeiterwohlfahrt ab, das war das letzte deutlich wahrnehmbare Signal der Organisation vor der beginnenden nationalsozialistischen Ära. 1945 Wiedereröffnung des Jugendheimes in der Hospitalstraße 1.

MERGARD, Luise Caroline, geb. Garnebode, * Göttingen 6.1.1886
Dienstmagd. † Göttingen 16.2.1954, oo 1909 Wilhelm MERGARD, Werkmeister der Bahn. 1922 IJB-Mitglied und Parteimitglied im Ortsverein der SPD Göttingen, enge Kooperation mit den IJB-Mitgliedern Willi Eichler und Fritz Schmalz. 1924 Beisitzerin im Vorstand des Ortsverein der SPD. 1925 Wahl zur Delegierte der Unterbezirkskonferenz, erste Vorsitzende im neu gegründeten Ortsausschuss für Arbeiterwohlfahrt, legt dieses Amt nach dem Parteiausschluss des IJB nach wenigen Wochen nieder.64642-360x360-1348274241-primary

Ästhetik des Widerstands im ISK

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Der Internationale Sozialistische Kampfbund war auf der Suche nach Kommunikationsmedien, um die eigenen politischen Botschaften propagandistisch aufzubereiten und zu verbreiten. Oft standen in ausreichendem Maß Medien zur Verfügung. Als die Mitglieder des Nelson-Bundes noch in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands organisiert waren, konnte der ISK beispielsweise die Printmedien der SPD nutzen. Fritz Schmalz ist deshalb einer der aktivsten Redakteure im Volksblatt Göttingen geworden. Nach dem Bruch mit den Sozialdemokraten musste der Nelson-Bund eigene Kommunikationswege erschließen, um ihre politisch-propagandistischen Inhalte zu präsentieren und zu verbreiten. Die hauseigene Zeitschrift ISK oder der Funke entstanden. Die Mischung aus Propaganda und Kunst hat nach der Verwendung im ISK Traditionen ausgebildet. In den 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Romanautor Peter Weiss eine mächtige Romantrilogie unter dem Titel Ästhetik des Widerstands herausgebracht. Wie sehr seine Ästhetik unter dem Einfluss des ISK-Gedankenguts stand, zeigt schon der erste Roman der Trilogie, in der der Erzähler von Peter Weiss mit ISK-Mitglied Max Hodann in den spanischen Bürgerkrieg zieht. Weiss versteht Ästhetik in einem umfassenderen Sinn nicht nur als ein propagandistisches Projekt mit künstlerischen Mitteln. Seine Ästhetik umfasst alle relevanten Bereiche des Phänomens Kunst: Rezeption, Produktion, Konsument Thematik, Stoffe …der unterschiedlichen Kunstdisziplinen Literatur, Malerei … Kunst sollte ein umfassendes Medium zur Unterhaltung und Bildung der Arbeiterbewegung werden.

Im ISK ist die Bühne das bevorzugte ästhetische Hilfsmittel, um zu belehren und zu unterhalten. Fritz Schmalz inszeniert 1930 mit der jungen Laientheatergruppe der Freidenker auf der Bühne des Jugendheims in der Hospitalstraße das Theaterstück von Friedrich Wolf § 218, um die Proteste der Jugendlichen gegen das Abtreibungsverbot Ausdruck zu verleihen. Wie Kunst politische Inhalte transportieren könnte, war auch das zentrale Thema der Ästhetikreflexionen im späteren Sozialistischen Realismus, der maßgeblichen Kunstdoktrin der DDR nach 1949. Kein DDR-Roman ohne ausgebeutete und schuftende Werktätige, kein DDR-Gedicht ohne den Schimmer der Morgenröte, in dem wachsame Parteimitglieder die Farben ihres Banners aufleuchten sahen. Das war zumindest die Vorstellung einiger Parteiführer.
Theaterspielen war Lehrfach im ISK-Landschulheim Walkemühle im nordhessischen Melsungen. Theater und Bühne waren aber nicht nur Kunstformen, sondern auch ein Mittel der Einübung des politischen Diskurses. Mit Theater, d.h. in Rollenspielen übten junge ISK-Mitglieder ihre Rhetorikfähigkeiten für die politische Auseinandersetzung. Jeder ISK-Student der Walkemühle kannte die Rollenspiele mit Leonard Nelson, die nur den Zweck hatten, die Rollenspieler in der Kunst des sokratischen Dialogs zu perfektionieren. Rollenspiele und Theater wurden Mittel der Selbstinszenierung des ISK. Wenn Fritz Schmalz nach dem Bruch mit der SPD zum Beispiel im Jahr 1930 auf einer SPD-Wahlveranstaltung im Stadtpark auftauchte und gegen die Wahlkampfredner der Sozialdemokraten rhetorisch zum Mittel des Sokratischen Dialogs griff, kannte er die Wirkung dieser Selbstinszenierung sehr genau.
Am 9. November 1929 begeht der ISK Göttingen den 11. Jahrestag der Revolution, gemeint war das Ende des ersten Weltkrieges und der Beginn demokratischer Verhältnisse der Weimarer Republik. Würdig begangen wurde das Gedenken an die Revoulition durch die Inszenierung einer programmatischen, politischen Revue mit dem Titel Der Demokrat. Während der Weimarer Republik war die politische Revue eine gängige Kunstform des politischen Kabaretts. Neben der politischen Botschaft stand die Show im Vordergrund der Aufführung. Es gab zwar eine dramatische Handlung in der Demokrat, viel unterhaltsamer ist die Show auf der Bühne, die von Dutzenden Personen bevölkert wird. Sie schwingen Fahnen, singen Kampflieder, verhöhnen Nazis, Monarchisten, Sozialdemokraten und – mit leiser Ironie – auch den Demokraten.

Da der ISK seit seiner Gründung Ende Oktober 1925 unter Beobachtung stand, ist der Ablauf dieser Revolutionsfeier genau erfasst und niedergeschrieben worden. Kriminalsekretär Möring war anwesend und hat Protokoll geführt. Möring bemühte sich um Objektivität. Das ist scheint auch gelungen, denn sein Vorgesetzter notierte am Rand seiner Ausführungen handschriftlich: Guter Bericht. Wenn man die Programmatik des ISK etwas kennt, dann wird deutlich, dass die Figur des Demokraten nur eine Witzfigur sein kann. Nach einer der obersten Glaubensgrundsätzen des Nelsonbundes ist die Ausübung der politischen Macht nicht Sache demokratisch gewählter Mehrheiten, politsche Macht wird durch das Führerschaftsprinzip ausgeübt. Der Führer ist keine politische Figur im nationalsozialistischen Sinn, sondern eher im Sinn der weisen Männer in der griechischen Antike.
Kriminalsekretär Möring berichtet, dass sich an diesem Novemberabend 1929 im großen Saal des Volksheimes im Maschmühlenweg mehrere Hundert Personen versammelt hatten. Alle Mitglieder und Sympathisanten des ISK. Die Eröffnungsrede hielt das ISK-Mitglied Walter Probst aus Braunschweig. In ihr schilderte er, wie sich das Volk durch die am 9.11.1918 gelungen Revolution von der Monarchie befreite, aber ihr gesetztes Ziel nicht erreicht hätte. Der Staat sorge für Religion und Kirche, nicht aber für die Arbeiter. Dann appellierte Probst an die Anwesenden, den Sozialismus weiter auszubauen. Nach einer Pause von 10 Minuten folgte die Aufführung der politischen Revue Der Demokrat. Auf der Bühne befanden sich ein großer Schreibtisch mit Telefon, Stühle und ein Garderobenständer. Es handelte sich um das Arbeitszimmer des demokratischen Ministers Schwarz. An der Rückwand hing ein großes Bild des verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Die beiden erwachsenen Kinder, Tochter und Sohn, besuchten ihren Vater und werden Zeuge einer ganzen Reihe von Konferenzen und Gesprächen des MInisters mit Vertretern aller gesellschaftlichen Gruppen: Gewerkschafter, Sozialisten, Hakenkreuzler, Priester, Republikaner, Monarchisten usw. Jedem verspricht der Minister, sich mit aller Kraft einzusetzen. Beim anschließenden Umtrunk trink der Minister auf das Wohl des Vaterlandes und der Republik, die Monarschisten trinke auf das Wohl des Kaisers im Exil. Mitglieder der Zentrumspartei setzen sich für das Reichschulgesetz, den Schutz der Kirche und das Zündholzmonopol ein. Das Stück inszenierte auch Themen der tagespolitischen Aktualität. Dann traten 20 bis 25 Mitglieder des ISK mit ihren Fahnen auf. Die Kinder des Ministers schließen sich spontan dem Zug an, der sich dann durch den ganzen Saal bewegt. Die Sowjethymne wird gesungen. Möring schreibt, die Feier war um 22:30 beendet. Störungen sind nicht vorgekommen. 

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Fritz Schmalz II

Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.
Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.

Nach der Machtübergabe am 30. Januar 1933 an die Nationalsozialisten hat sich Schmalz eine spürbare Zurückhaltung in Sachen antifaschistische Agitation auferlegt. Er schien gespürt zu haben, dass der Handlungsspielraum denkbar gering geworden war, und dass nach den Verhaftungswellen gegen führende Kommunisten und Sozialdemokraten in den ersten Monaten der Naziherrschaft der agitatorische Erfolg in keinem Verhältnis zum Nutzen stand. Durch Straßenkämpfe gegen die SA und durch die Aufführung illegaler Theaterstücke auf Laienbühnen im Jugendheim der Stadt Göttingen war das neue politische System nicht mehr zu destabilisieren. Dieser Trend verschärfte sich noch in einer Stadt wie Göttingen, in der die Nationalsozialisten lange vor der Machtübernahme schon sehr großen Zulauf hatten. Sozialdemokraten, Kommunisten und vor allem der kleine ISK konnten wegen ihrer Zerstrittenheit untereinander das eigene politische Potential nicht mobilisieren.

Aus der Akte geht nicht hervor, dass gegen das ISK-Mitglied Schmalz etwas Besonderes – außer eben der Mitgliedschaft in einer kommunistischen Organisation vorlag. In den Dokumenten der nationalsozialistisch umfunktionierten Behörden galt der ISK als kommunistische Organisation.
Vor der Wohnungsdurchsuchung von Schmalz wurden weitere Wohnungen anderer ISK-Mitglieder durchsucht. Mitte März 1933 wird die ISK-Zentrale im Nikolausberger Weg 67 von einer Truppe SA-Leuten unter Leitung eines Medizinstudenten durchsucht. Einen Tag später schrieb der Eigentümer der Villa, ISK-Mitglied Fritz Körber, einen Beschwerdebrief an die Polizeidirektion Göttingen, mit der Bitte, derartige Durchsuchungen von Fachpersonal durchführen zu lassen und nicht von einem Medizinstudenten.

Am 10. April 1933 wird die Wohnung der beiden Lehrerinnen Erna Siem und Maria Kneisel im Steinsgraben 15 in Göttingen durchsucht. Beide sind nicht nur Mitglieder des ISK, sondern auch der ISK-Unterorganisation Politisch-dissidentischer-Lehrerkampfbund. Von Lehrerinnen und Lehrern, die im Lehrerkampfbund organisiert waren, wurde im Jahr 1925 folgende Broschüre herausgegeben. Sie enthält einige programmatische Artikel zur Verantwortung von Lehrern in Staat, Religion und Kirche.

Schaut man in die Lehrerakten der von Erna Siem, dann wird deutlich, dass beide schon einige Monate in ihren Schulen von Schülern, Kollegen und Eltern angefeindet werden. Beide bekennen sich offen zu den Inhalten des ISK und versuchen Kollegen davon zu überzeugen, ebenfalls dem Kampfbund beizutreten. Kindern ist auch aufgefallen, dass beide Lehrerinnen beim Absingen der Nationalhymne schweigen, weshalb Anzeigen von Eltern gegen beide wegen unpatriotischen Verhaltens vorliegen. Es fällt auf, dass die Stellungnahmen, die die beiden Lehrerinnen im Laufe des Verfahrens verfassen, in einem auffälligen Polzeijargon abgefasst sind. Es ist zu vermuten, dass der Verhörbeamte, in diesem Fall Kriminalassistent Alfter, den beiden Lehrerinnen die Stellungnahme sozusagen in die Feder diktiert hat, um sie heil aus dieser Angelegenheit wieder rauszubekommen.
Fast zur gleichen Zeit wurde auch die Wohnung von Albert Steen, Goldgraben 19 in Göttingen, durchsucht. Er ist Buchhändler, ISK-Mitglied und seine Frau leitet den ISK-Kindergarten in der Groner Landstraße 37. Wohnungsdurchsuchung, Vorladung, Verhör, Protokoll und Niederschlagung des Verfahrens dauern auch im Fall Steen etwas mehr als vier Wochen. Das in der Wohnung vorgefundene Textmaterial erweist sich als harmlos. Im Mai und Juni ist die Polizei mit dem Fall Warnke beschäftigt. (Siehe Blog-Beitrag Nikolausberger Weg 67) Er ist der Kurier, der in Göttingen einen Zwischenstopp auf dem Weg nach Hannover eingelegt hat.
Anfang Juli 1933 durchsucht die Kriminalpolizei die Wohnung von Fritz Schmalz in der Weender Straße 70/ 71. Kriminalassistent Röttgers verfasst das Protokoll. Die Kriminalpolizei handelt im Auftrag der örtlichen Polizeibehörde, gemeint ist die Politische Geheimpolizei in der Polizeidirektion. (StadtA Gö, ISK-Akte, Blatt 86, 4.7.1933)

Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.
Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.

Fritz Schmalz I

Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.
Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.

Fritz Schmalz ist neben Willi Eichler das bedeutendeste und vielseitigste Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und seines Vorläufers, des Internationalen Jugendbundes.  (Fotoarchiv Städtisches Museum Göttingen)  Zusammen mit seinem Bruder Hellmut bilden sie vor 1933 eine Art Linksfront im Göttinger Straßenkampf gegen die SA und die organisierten Nationalsozialisten. Eichler verstand seine Arbeit in Göttingen als Stellvertreter Leonard Nelsons als Zwischenstück einer national und international opperierenden antifaschistischen Linksfront aus Sozialdemokraten und Kommunisten. So sah die Führungsebene des ISK in der Zentrale im Nikolausberger Weg ihre Aufgabe. Im Gegensatz dazu blieb Fritz Schmalz der Stadt Göttingen für immer verbunden. 1897 geboren starb er 1964 in Elliehausen.

Nach 1933 gehörte er zu den aktiven antifaschistischen Kämpfern in der Sektion Göttingen, die neben den Sektionen Braunschweig, Frankfurt, Weimar, München….von Willi Eichler aus dem Exil in London gesteuert wurden. Schmalz verfügte über ein ganzes Repertoire an Talenten, die ihn als ISK-Ideologen und antifaschistischen Kämpfer qualifizierten. Gewalttätig und reflexhaft im Straßenkampf gegen die SA, aber auch besonnen in Logistik und längerfristiger Planung. Er konnte seine Chancen realistisch abschätzen. Die Quellenlage im Stadtarchiv ist ausgezeichnet.
Vor 1933 trat er auf den Straßen des Stadtzentrums auf. Theaterstraße und Weender Straße. In der Langen Geismarer Straße trafen sich die Mitglieder der Arbeiterwehr (Popplow, Interview August Stapel, in: Karteikarten und Interviews, StadtA.,4), ein Zusammenschluss junger Linker, die der SA auf der Straße entgegentraten. In den Interviews, die der Göttinger Geschichtslehrer Ulrich Popplow in den 70iger Jahren mit Zeitzeugen führten, berichtet der Gewerkschafter August Stapel von den Straßenschlachten, die er mit den Schmalzbrüdern, Fritz und Hellmut, mit Heinrich Westernhagen, Albert Stege und Albert Mink erlebte. Um geordneter und vor allem schlagkräftiger auftreten zu können, gründete die Gruppe um Stapel und die Schmalzbrüder die Arbeiterwehr.

Reflexion, Polnische Straßenkünstlerin in Mistroije
Reflexion, Polnische Straßenkünstlerin Mistroije

Für den Straßenkampf trainiert wurde die Wehr außerhalb der Stadt auf dem Kleinen Hagen. Der Ausbilder war der ehemalige Reichswehrfeldwebel Heyermann. Die Arbeiterwehr brachte es auf eine Truppenstärke von sechs Hundertschaften. So vorbereitet, ging die Gruppe um Stapel und die Schmalzbrüder auf Patrouille, d.h., sie gingen nebeneinander mit verschränkten Armen im Stadtzentrum die Weender Straße entlang. Die Gruppe wollte provozieren. Sie suchte die direkte Konfrontation mit dem Gegner. In der Wohnung von Hellmut Schmalz in der Jüdenstraße waren Knüppel deponiert, an die man im Ernstfall sehr schnell herankam.
Am 1. Mai 1932 war es soweit. Die Gruppe traf auf einer dieser Patrouillengänge in der Theaterstraße auf eine Gruppe von ca. zwei Dutzend SA-Leute. Das zahlenmäßige Missverhältnis zwischen den sechs Patrouillengängern um die Schmalzbrüder und den über 20 Mitgliedern der Nazikampfgruppe hat die Leute vom ISK und der Gewerkschaft offenbar nicht im Geringsten beunruhig. Es kam auch niemand auf die Idee, erstmal die Knüppel aus der Jüdenstraße zu beschaffen. Nach einer kurzen Lagebesprechung, Fritz Schmalz schrie: wollen wir die laufen lassen, kam auch schon das Kommando zum Angriff: Ran! Trotz der Übermacht der SA, hieß es im Zeitzeugenbericht, hätten die Angreifer schnell die Oberhand gewonnen und die Nazis seien davongelaufen wie die Hasen. In den Kreisen der Arbeiterwehr hatte die SA vor 1933 den Ruf, schlecht ausgebildet, schlecht organisiert und feige zu sein. Deshalb schreckte die Arbeiterwehr auch vor gezielten Provokationen der SA nicht zurück. Die Lange Geismarer im Stadtzentrum war das Revier der Arbeiterwehr. Bis 1933 war sie ein Machtfaktor in der politischen motivierten Straßenszene der Stadt.
Vor Januar 1933 trat Schmalz nicht nur als Straßenkämpfer der Arbeiterwehr auf, sondern auch als Jugendleiter und Theaterregisseur. Seit dem Bruch mit der SPD hat die Agitation der ISK-Mitglieder gegen die Sozialdemokraten nicht aufgehört. Sie hat sich eher verstärkt. Sie wird seitens des ISK mit immer größerer Verbissenheit geführt. In Popplows Interviews berichtet das SPD-Mitglied Albrecht Keunicke, Schmalz sei im September 1930 auf einer Wahlveranstaltung der SPD im Stadtpark aufgetaucht. Solche Auftritte führten bei allen Beteiligten zu erhöhter Wachsamkeit. Gastredner war der Reichstagsabgeordnete Schweriner. Nach einer verbissen geführten Diskussion im sokratischen Stil des ISK mit dem Reichstagsabgeordneten und den lokalen SPD-Veranstaltern rief Fritz Schmalz die anwesenden SPD-Mitglieder im Publikum dazu auf, die KPD zu wählen, da die SPD nicht mehr die Interessen der Arbeiterbewegung vertrete. Solche Auftritte waren es auch, die die Kluft zwischen SPD und ISK vor 1933 unüberbrückbar werden ließ. In der SPD Göttingen gab es Mitglieder, die nicht nur gegen den ISK, sondern ganz besonders gegen Fritz Schmalz persönlich zeitlebens nicht nur Abneigung, sondern Hassgefühle hegten.
Der Straßenkämpfer konnte nicht nur mit den Knüppeln aus der Jüdenstraße in die politische Konfrontation eingreifen, sondern auch mit künstlerischer Mittel. Der ISK hatte eine Art Ästhetik des Widerstands (Vergl. Peter Weiss, Ästhetik des Widerstands, 2005) entwickelt, die sich viele Kunstformen aneignete, um politische Botschaften zu formulieren und Ziele zu erreichen. Beliebtestes Medium dieser Agitationsästhetik war das Theater.
Popplows Zeitzeuge August Stapel war 1930 22 Jahre alt. Er gehörte dem Freidenkerverband an und arbeitete in der Jugendgruppe des Verbandes, deren Vorsitzender der 11 Jahre ältere Fritz Schmalz war. Im Jugendheim in der Hospitalstraße 1, dem heutigen Jungen Theater, probte Schmalz mit seiner jungen Laientruppe das Drama § 218 (www.deutschlandfunk.de-paragraph-218-auf-der-buehne/) von Friedrich Wolf. In seinem Zeitzeugenbericht ergänzte August Stapel noch: das war eigentlich illegal.
Wolf war nicht nur Mediziner und Dramatiker, sondern auch Mitglied der KPD. Das Stück § 218 wurde im September 1929 im Berliner Lessingtheater uraufgeführt und entwickelte sich dann zu einem außergewöhnlichen Agitationsstück in der politischen Auseinandersetzung um die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218.
Das Drama behandelt die soziale Not unfreiwillig schwanger gewordener junger Arbeiterinnen. Schon während der Uraufführung in Berlin kam es zu Tumulten und lautstarken Forderungen nach Abschaffung des Abtreibungsverbotes. Daraufhin wurde das Stück auch sehr schnell verboten. Als würde ein solches Verbot den Theaterregisseur Fritz Schmalz magisch anziehen, brachte er das Stück in der Hospitalstraße 1 mit seinen Jugendlichen trotzdem auf die Bühne. Diese Verbindung aus Kunst und politischer Agitation ist typisch für die Arbeit des ISK. In der ISK-Akte des

Stadtarchivs finden sich weitere Beispiele dieser Art politischer Auseinandersetzungen.
Während einer der Proben zu § 218, so berichtet Stapel, wurde der Göttinger Jugendpfleger und Gewerbelehrer Tegtmeier im Jugendheim in der Hospitalstraße Zeuge der Inszenierung des verbotenen Stückes durch das Laientheater der Freidenker. Er bemerkte besorgt: Herr Schmalz, bei all den Jugendlichen hier spielen Sie den Paragraphen 218. Solche Einwände ließ Schmalz nicht gelten. Er erwiderte: Ach, gucken Sie einfach nicht hin.

Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.
Fritz Schmalz. Quelle: Fotoarchiv Städtisches Museum, Göttingen.